Seit 16 Jahren gibt es das Drug-Checking in Wien. Los ging es in den Neunzigern, als Techno das Nachtleben veränderte. Damals tauchten bunte Tabletten auf, mit eingestanzten Smileys oder Friedenstauben. "Drogen, die aus hedonistischen Gründen genommen werden und nicht, um nichts mehr zu spüren, wie bei klassischen Opiaten wie Heroin", sagt Sonja Grabenhofer, die das Wiener Drug-Checking leitet. "Wir sprechen deshalb von Freizeitdrogen."

Die bekannteste dieser neuen Drogen hieß Ecstasy. "Die Leute, die das nahmen, hatten oft einen Job oder studierten", sagt Grabenhofer. Das waren nicht mehr die Kinder vom Bahnhof Zoo. Das waren eher die Kinder von nebenan. Entsprechend groß war die Angst davor, dass Ecstasy eine ganze Generation ruinieren würde. Die Rede von der "Einstiegsdroge" machte die Runde. Grabenhofer hält das für Blödsinn. "Die meisten Leute, die Ecstasy nehmen, landen später nicht beim Heroin, sondern hören irgendwann einfach auf", sagt sie. "Das Rauschbedürfnis und vor allem die Risikofreudigkeit lassen in der Regel mit zunehmendem Alter nach. Das ist bei illegalen Freizeitdrogen nicht anders als bei Alkohol."

Das Problem sei ein anderes: Bei den neuen Drogen gibt es kein Reinheitsgebot, wie zum Beispiel beim Bier. In Tabletten, die in den Neunzigern als Ecstasy gehandelt wurden, überwog mal der Wirkstoff MDMA, mal MDE, mal war zusätzlich MDA und manchmal waren ganz andere Stoffe darin. Das zeigen stichprobenartige Tests aus den Niederlanden, dem Mutterland des Drug-Checkings. Selbst bei Leuten, die sich auskennen sollten, gab es Verwirrung, was Ecstasy überhaupt ist. Als Forscher der Johns-Hopkins-Universität 2002 eine Studie über die Langzeitfolgen von Ecstasy in der angesehenen Zeitschrift Science veröffentlichten, mussten sie den Artikel ein Jahr später widerrufen: Sie hatten Amphetamine statt MDMA getestet.

Heute herrscht eine neue Unübersichtlichkeit auf dem Drogenmarkt, unter anderem deshalb, weil es so viele neue Substanzen gibt. Nicht alle davon sind illegal, aber das bedeutet nicht, dass sie ungefährlich sind. Anders als Medikamente, die getestet und zugelassen werden müssen, ehe sie in die Apotheken kommen, werden die meisten neuen Drogen nach der Entwicklung einfach verkauft. Zum Beispiel Spice, das als legale Alternative zum Cannabis vermarktet und über Internet und Tabakläden vertrieben wurde. Erst als Zeitungen vor der neuen "Modedroge" warnten und Mediziner der Universität Freiburg herausfanden, dass hinter dem angeblichen Kräutermix in Wirklichkeit synthetische Stoffe steckten, wurde der Handel mit Spice in Deutschland verboten.

Doch längst gibt es neue Substanzen, die noch nicht verboten sind und deshalb frei verkauft werden. Wer in den Markt der legalen Drogen einsteigen will, braucht dazu nicht viel mehr als ein Labor, chemisches Fachwissen, eine gewisse Skrupellosigkeit – und das Internet. Die Anbieter werben in ihren Webshops damit, dass ihre chemischen Produkte ähnlich wie verbotene Drogen wirken, wie Methamphetamin, wie Kokain oder wie Cannabis. Sie haben Namen wie 5F-AKB48 oder STS-135 und werden in verschiedenen Geschmacksrichtungen geliefert, "Cherry", "Juicy Fruits" oder "Bubble Gum". Für Konsumenten, zumal für solche, die zum ersten Mal Drogen probieren wollen, ist der Zugang sehr bequem geworden. Niemand muss Fremde im Bahnhofsviertel anquatschen. Google und eine Kreditkarte reichen.

Über die Risiken und Langzeitfolgen dieser Stoffe ist oft nur wenig bekannt. Die Anbieter können so lange daran verdienen, bis die ersten Nutzer im Krankenhaus landen, die Behörden aufmerksam werden, ein Forschungsinstitut die Droge untersucht und der Staat das Verbotsverfahren abgeschlossen hat. Doch selbst wenn Drogen verboten sind, erschwert das nur den Zugang, ändert aber nicht viel daran, dass diese weiter verkauft und konsumiert werden. Das zeigen nicht zuletzt die Zahlen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.

Die Konsumenten haben oft keine Ahnung, was sie da eigentlich schlucken: "In höchstens 20 Prozent aller Substanzen, die wir zu sehen bekommen, ist das drin, was der Konsument erwartet", sagt Sonja Grabenhofer. "Wenn ich nicht weiß, was ich nehme, weiß ich auch nicht, welches Risiko ich damit eingehe." Deshalb gibt es das Drug-Checking, das heute etwa einmal im Monat in Clubs oder mit einem mobilen Labor in einem Campingbus auch auf Festivals im Wiener Umland angeboten wird. "Wir nehmen die Konsumenten ernst und versuchen ihnen wertfrei die Vor- und Nachteile des Drogenkonsums aufzuzeigen", sagt Sonja Grabenhofer.

Im Wiener Universitätsklinikum spuckt der Computer die ersten Analyseergebnisse aus. Zehn Minuten nachdem die Probe in das Massenspektrometer gegeben wurde, zeigt der Rechner, welche Wirkstoffe enthalten sind. Zum Beispiel im Koks aus dem Club: Ein Drittel sei ein unbedenkliches Streckmittel, sagt Sonja Grabenhofer, Mehl, Milchzucker oder Zellulosepulver. Die übrigen zwei Drittel setzen sich aus Kokain zusammen, aber auch aus dem Schmerzmittel Paracetamol und aus Levamisol, einem Medikament, das gegen Fadenwürmer verschrieben wird.

"Das ist eine relativ klassische Kokainprobe", sagt Grabenhofer. "Levamisol ist ein übliches Streckmittel, weil es die Wirkung des Kokains verstärkt. Das wurde vermutlich schon bei der Herstellung beigemengt. Das Paracetamol kam wahrscheinlich erst später dazu." So funktioniert die Lieferkette der Drogen: Jeder Zwischenhändler kann seine Gewinnspanne erhöhen, indem er die Ware streckt – als Risikozuschlag sozusagen, schließlich ist der Handel nicht ungefährlich. Und jeder bürgt mit seinem Namen nur gegenüber dem nächsten Glied in der Kette, nicht gegenüber dem Endkunden. Eine Autofirma kann in ernste Schwierigkeiten geraten, wenn sie minderwertige Produkte verkauft, schlechte Bremsen etwa. Dann gibt es teure Rückrufaktionen, Gerichtsprozesse, und die Kunden verlieren das Vertrauen. Auf dem Schwarzmarkt gibt es solche Qualitätskontrollen nicht.

In krassen Fällen hat das Folgen wie 2007 in Leipzig. Dort meldeten sich mehrere Leute wegen Krämpfen und Übelkeit im Krankenhaus. Es kam heraus, dass sie Cannabis geraucht hatten, das mit Bleipulver gestreckt war. Das Blei machte die Ware schwerer, erhöhte also den Verkaufspreis. Für die Betroffenen kann es bedeuten, dass sie wegen einiger Joints jahrelang Medikamente nehmen müssen, um das Blei wieder aus ihrem Körper zu bekommen. Mehr als einhundert Kiffer mussten in Leipzig in Behandlung.