Auch das mit Levamisol gestreckte Koks aus dem Wiener Technoclub birgt Risiken, die zu denen des reinen Kokains noch hinzukommen. Nimmt man es häufig ein, könne das Immunsystem geschwächt werden, sagt Sonja Grabenhofer. Dann könne unter Umständen schon eine Grippeinfektion tödlich enden. Für die Koksprobe füllt sie einen roten Zettel aus. "Achtung", steht darauf, "die Inhaltsstoffe dieser Probe sind gesundheitlich besonders bedenklich!"

Kurz nach Mitternacht hängt dieser Zettel an einer Wand im Club. Wer an die Bar will, aufs Klo oder auf die Tanzfläche, muss hier vorbei. Es ist eine Warnung an den Nutzer, der den Zettel mithilfe einer Kennziffer seiner Probe zuordnen kann. Es ist aber auch eine Warnung an alle anderen, die vorbeikommen: Wer illegale Drogen nimmt, muss davon ausgehen, dass sie gestreckt sind. Manchmal, wenn die Proben nicht verunreinigt und nicht sehr hoch dosiert sind, hängt Grabenhofer keinen roten oder gelben, sondern einen weißen Zettel auf. "Diese Probe enthält jene Substanz, die erwartet wurde", steht darauf, möglichst wertfrei. Immer wieder stehen Leute vor den Zetteln und lesen.

Wie die Warnung auf den Mann mit dem gestreckten Koks wirkt, wissen die Drug-Checker nicht. Vielleicht hat er sein Kokain längst genommen. Vielleicht ist ihm der rote Zettel egal. "Aber es kommt zu weniger Zwischenfällen, seit es uns gibt", sagt Grabenhofer. Deshalb gibt es Veranstalter in der Technoszene, von denen die Drogentester immer wieder eingeladen werden. Lieber eine Infowand im Club als einen Krankenwageneinsatz.

Auch in Deutschland gab es in den neunziger Jahren parallel zu den Ansätzen im Ausland erste Versuche mit Drug-Checking, etwa mit der Charité, der Berliner Uni-Klinik. Doch das war umstritten. Sollte der Staat tolerieren, dass Chemiker in dunklen Clubs mit illegalen Substanzen hantieren? Im Jahr 2000 verabschiedete der Bundestag einen Zusatz zum Betäubungsmittelgesetz, der Drug-Checking untersagte. Seitdem wurden solche Projekte in der Schweiz eingeführt, in Belgien und in Tschechien. Auch die Europäische Union förderte den Ansatz und finanzierte eine internationale Datenbank zum Austausch von Ergebnissen der Drogenanalysen. In Deutschland bleibt Drug-Checking verboten.

Nun wollen die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Niedersachsen Drogentests in ihren Ländern ermöglichen. Noch ist nicht ganz klar, wie das trotz des bundesweiten Verbots möglich sein soll. Die Kritik an dem Vorhaben ist harsch. "Die Regierung ist offenbar selbst zugedröhnt", pöbelte ein Oppositionspolitiker in Schleswig-Holstein. In Lokalzeitungen ist die Rede vom "Drogen-TÜV", so als ginge es nicht um Schadensbegrenzung, sondern um freie Fahrt für Junkies. Der größte Widerstand kommt aber von der Bundesregierung. "Der effektivste Schutz vor verunreinigten oder außergewöhnlich hoch dosierten illegalen Substanzen besteht darin, den Konsum dieser Substanzen konsequent zu unterlassen", heißt es dort. Das ist richtig – aber auch sehr rigoros. Ein bisschen erinnert diese Haltung an religiöse Gruppen, die sagen, das wirksamste Mittel gegen Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften sei die sexuelle Enthaltsamkeit.

Kritiker fürchten, die Tests könnten zum Konsum illegaler Drogen ermutigen und die Risiken verharmlosen. Die Bundesärztekammer warnt vor einer "falschen Sicherheit".

Wer Drogen kauft, trifft die Entscheidung, das Gesetz zu brechen und sich einem Gesundheitsrisiko auszusetzen. Aber ist es plausibel, dass weniger Informationen zu besseren Entscheidungen führen?

Eine Woche nach der Clubnacht in Wien stirbt eine Frau auf einer Party in Schleswig-Holstein. Die Untersuchungen zu dem Fall sind noch nicht abgeschlossen, doch die Staatsanwaltschaft sagt: Die Frau war 25 Jahre alt. Sie hatte ein Kind. Sie nahm eine einzige Ecstasy-Tablette.