ZEIT CAMPUS: Herr Steinhilber, was ist der Unterschied zwischen Medikament und Droge?

Dieter Steinhilber: Entscheidend ist, ob eine Substanz genutzt wird, um eine Krankheit zu lindern und zu heilen – oder nicht.

ZEIT CAMPUS: Das heißt: Wenn ich etwas zum Spaß nehme, ist es eine Droge, und wenn nicht, dann ist es ein Medikament?

Steinhilber: Sozusagen. Aber natürlich haben nicht alle Substanzen, die heute als Droge verwendet werden, auch eine Zulassung als Arzneimittel. Kokain wurde früher gegen Schmerzen gegeben. Heute ist das nicht mehr erlaubt. Es wird inzwischen nur noch in der Drogenszene genutzt.

ZEIT CAMPUS: Auch Heroin war früher ein Medikament: Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Schmerz- und Hustenmittel vermarktet. Heute gilt es als harte Droge, die mit Sucht und sozialem Abstieg verbunden ist. Wie kann es zu so einer dramatischen Neubewertung kommen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 01/2014. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Steinhilber: Das Morphin, das in Heroin enthalten ist, wurde chemisch so verändert, dass es schnell ins Gehirn gelangt. Dadurch hat das Heroin eine euphorisierende Wirkung, die wohl ein Grund dafür ist, warum es in der Drogenszene genutzt wird. Außerdem ist es relativ leicht herzustellen. In der therapeutischen Verwendung hat Heroin ein ziemlich schlechtes Verhältnis von Nutzen und Risiko, deshalb wird es heute nicht mehr verwendet. Andere Opiate sind in der Schmerz- und Tumortherapie aber unglaublich wichtig, wenn sie richtig eingesetzt werden. Die Krux ist, dass man auch sie als Drogen missbrauchen kann.

ZEIT CAMPUS: Deshalb kann ich Opiate auch nicht ohne Rezept kaufen?

Steinhilber: Stimmt. Sie brauchen dafür sogar ein besonderes Rezept, weil diese Substanzen unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Jeder Arzt darf solche Rezepte ausstellen, gesammelt werden sie zentral. Der Staat überwacht, welche Patienten was nehmen und welche Ärzte es verschreiben.

ZEIT CAMPUS: Könnte es passieren, dass ein Mittel, das wir frei in der Apotheke kaufen können, in hundert Jahren ganz anders bewertet wird, ähnlich wie Heroin heute?

Steinhilber: Wahrscheinlich nicht. Heroin stammt aus einer Zeit, in der die Zulassungskriterien für Arzneimittel noch viel lascher waren. Ein neuer Wirkstoff wird heute zunächst vorklinisch untersucht. Dabei wird an Mäusen getestet, ob er gefährlich ist. Dann werden in drei klinischen Phasen unter anderem die Nebenwirkungen ermittelt, zuerst an gesunden Menschen, dann an Patienten. Neue Arzneimittel müssen gegenüber den bestehenden gleichwertig sein oder einen Fortschritt bringen, sonst werden sie nicht zugelassen.

ZEIT CAMPUS: Was bedeutet das für die Forschung?

Steinhilber: Die Entwicklung neuer Wirkstoffe ist sehr teuer, man geht im Schnitt von einer Milliarde Euro Entwicklungskosten aus. Das liegt auch daran, dass die Mittel, die es heute schon gibt, teilweise hervorragend sind. Es ist wie beim Äpfelpflücken: Die Äpfel, die gut erreichbar sind, haben wir schon vom Baum geholt. Jetzt wird es schwieriger, neue, wirklich innovative Wirkstoffe zu entwickeln.