Die Buchbranche hat schnell entdeckt, wie man mit der Sehnsucht nach Langsamkeit den Umsatz beschleunigt: Slow up your life!, ruft es dem Gehetzten aus den Regalen entgegen, in diesem Fall vom Cover eines Ratgebers der Edition Vitalis. Im gut sortierten Handel findet man Anleitungen, wie man Slow Tourism (Verlag Peter Lang) betreibt. Das geht durch Slow Travel (Rogner & Bernhard) oder auch, indem man Slow Travel and Tourism (Routledge) kombiniert. Auch das häusliche Slow Life (wahlweise Riemann oder Goldmann Verlag) lässt sich durch Slow Living (Rotpunktverlag) signifikant entschleunigen. Wer zum Beispiel zu Slow Christmas (Aufbau Verlag) seine Slow Cooking-Künste mit einem guten Slow Wine (beide Gräfe und Unzer) kombiniert, wird garantiert die Herzen öffnen. Denn bekanntlich geht nicht nur Slow Food durch den Magen (ebenfalls: Gräfe und Unzer. Die sind beim Slow-Rennen ganz hinten dabei!) Für den folgenden Slow Sex (Integral Verlag) empfehlen wir selbstredend Slow Motion (Verlag Moby Dick), nach dem Motto: Slow Down To Speed Up! (Campus-Verlag). Einzig das Slow Rauchen (Hirzel-Verlag) danach sollte man nicht allzu sehr entschleunigen: Denn wer will schon in einem Slow Fire (Chronicle Books) enden?

Mit Retro-Produkten versilbert man heute das Gestern. Offensichtlich will der Mensch mit Macht zurück zu jenen als gemächlich verklärten Tagen, als Oma mit dem Reisigbesen den Flur fegte und Opa mit dem Dachshaarpinsel den Bart einseifte. Der Umsatz von Manufactum, dem prominentesten Anbieter Produkt gewordener Nostalgie, wird auf über 100 Millionen Euro geschätzt. Allerdings ist selbst den Liebhabern von Wählscheibentelefonen aus Bakelit das Hier und Heute zu wertvoll, um es wartend zu verschwenden: 2009 stellte Manufactum, damals bereits Teil des Otto-Konzerns, die Logistik um. Wie es in den Hausnachrichten der Firma hieß, um die "inzwischen erwartete Schnelligkeit bei der Belieferung" zu ermöglichen.

Die Auszeit-Industrie setzt längst nicht mehr nur auf Massage und Spa. Hotels wie das Edelweiss & Gurgl im österreichischen Ötztal werben mit "Offline-Wochen". Das Handy der Gäste nimmt die Rezeption gerne in Gewahrsam. Auch Mönche sind als neue Player ins Geschäft mit dem Auszeit-Urlaub eingestiegen und verkaufen Kloster-Wochen für Gestresste. So ein Kloster-Stopp ist allerdings fast schon ein bisschen von gestern. Manager, die in Sachen Auszeit als early adopters gelten wollen, müssen innovativer sein und zum Beispiel ins brandenburgische Suckow blicken. Dort geben Erholungssuchende die Zeitplanung an einen Miet-Esel ab, mit dem sie dann fremdbestimmt ("Lassen Sie sich auf den Rhythmus ein, den der Esel vorgibt") durch die Uckermark trotten.

Ein Zeitlupencoaching bietet der Psychologe George Pennington einmal im Jahr an. Die Teilnehmer des Seminars im bayerischen Holzkirchen (Kosten: 550 Euro) vollziehen an drei von fünf Tagen alles in Zeitlupe: Aufstehen, Anziehen, Laufen, Essen, Trinken. Zweimal täglich tauscht man sich über seine Erfahrungen aus. Eiserne Regel: Ein Wort pro Atemzug, fünfzehn Wörter pro Minute. Schneller ist verboten.