Die Grenze zwischen Leben und Tod ist hauchdünn bei meinen Patienten. Als Neurochirurg behandle ich Familienväter mit Hirntumor oder junge Unfallopfer. Ich bin im Schnitt für fünfzehn Patienten gleichzeitig zuständig und habe mehrere Operationen in der Woche, die bis zu sechs Stunden dauern können. Um neun Uhr zur Arbeit kommen und um Punkt 17 Uhr das Operationsmesser fallen lassen – das geht für mich nicht.

Viele ältere Ärzte glauben, dass man für diesen Beruf Feuer und Flamme sein muss. Und bereit, alles andere hintanzustellen. Mein Großvater zum Beispiel hat morgens angefangen zu arbeiten und seine Praxis selten vor 22 Uhr verlassen. Im Alter von 90 Jahren hatte er immer noch Patienten.

Muss ich aber für meinen Job brennen, um erfolgreich zu sein? Nein. Wer brennt, kann verbrennen, also von der Arbeit krank werden. Um das zu verhindern, tanke ich Energie bei meiner Familie und in meiner Freizeit. Ich brenne für den Ausgleich und das Leben. Erst dadurch bin ich im Job erfolgreich.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 01/2014. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Jüngere Kollegen sehen das oft genauso. Vielleicht, weil unsere Verantwortung und Belastung groß ist und der Lohn verhältnismäßig gering. Oder weil unsere Arbeit heute aus viel Bürokratie besteht – das nervt. Mittlerweile tauschen viele junge Ärzte den OP-Tisch gegen den Spielplatz: Sie gehen öfter in Elternzeit. Das ist gut so!

Wir Ärzte sind nicht wie der Bergdoktor oder andere Figuren in Krankenhaus-Serien. Wir müssen unseren Stress auch mal durch Gespräche verarbeiten, wir sind nicht immer stark und heldenhaft. Ich bin Neurochirurg geworden, weil ich den Umgang mit Menschen mag und die handwerkliche Genauigkeit beim Operieren. Damit ein Mensch durch meine Operation überlebt und nicht stirbt, muss ich mich konzentrieren und etwas können – aber nicht brennen.