Im Asylbewerberheim
Babak* und Reza hören geduldig zu, während die Professorin über Migrationstheorien spricht, aber weshalb Menschen ihre Heimat verlassen, das müssen sie nicht erst lernen. Sie wissen es aus eigener Erfahrung: Die beiden sind aus Afghanistan nach Deutschland geflohen, seit August leben sie im Berliner Randbezirk Hellersdorf in einem Asylbewerberheim. Während des Vortrags der Professorin an einem Dienstag im Oktober sitzen sie dort neben deutschen Studenten: In diesem Semester veranstaltet die benachbarte Alice Salomon Hochschule Seminare im Heim.
Die Professorin erklärt Push- und Pull-Faktoren für Migration, sie spricht von Flucht und politischer Verfolgung. "Bei Migration geht es immer darum, das eigene Leben zu verbessern", fasst sie am Ende zusammen. Da meldet sich Reza zu Wort. "Ich musste flüchten, aber ich wollte nie hierher. Für mich ist das kein Leben, ich bin den ganzen Tag im Heim, gehe zum Deutschkurs, habe nichts zu tun. Ich habe keine Frau, keine Kinder, keine Zukunft", sagt der 26-Jährige auf Englisch. Und noch einmal: "Ich wollte nie nach Europa." Es wird laut im Raum, die Studenten diskutieren – und das ist es, was die Hochschule will: "Wir wollen Präsenz zeigen, dem Asylheim Leben einhauchen", sagt eine Sprecherin.
Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen. Rund 78.000 Männer und Frauen haben im vergangenen Jahr Asylanträge gestellt. Das ist weit entfernt von den Zahlen der neunziger Jahre (1995 gab es mehr als doppelt so viele Anträge wie heute).
Aber seit Langem werden wieder neue Asylbewerberheime eröffnet. Als im Sommer die ersten Flüchtlinge das Heim in Hellersdorf bezogen, hatten Demonstranten die Afghanen und Syrer mit rechtsextremen Parolen begrüßt. Mit Solidaritätsaktionen hielten die Hellersdorfer dagegen, auch die örtliche Hochschule.