An dem Tag, als Thomas Zieger die Wahrheit über seinen Vater erfährt, explodiert eine Bombe. Es ist ein warmer Samstag im März 2002, Thomas Zieger und sein Vater Andreas sind im Urlaub in Israel, sie schlendern durch Jerusalem, auf der Suche nach einem Restaurant. Das erste, das sie finden, hat geschlossen, also nehmen sie ein anderes, ein paar Straßen weiter. Dann hören sie die Explosion, dumpf und bedrohlich nah.

Zieger und sein Vater rennen in ihr Hostel, wo wenig später Bilder des Bombenanschlags über den Fernseher in der Lobby flimmern. Sie erkennen das Restaurant, das sie zuerst angesteuert hatten, zertrümmert von der Explosion. Die Ziegers wollen weg, nach Deutschland, so schnell wie möglich. Sie nehmen ein Taxi zum Flughafen, wenig später sitzen sie in der überfüllten Abflughalle, seltsam erleichtert, und warten. Ihr Flieger nach Deutschland geht erst in 30 Stunden. Sie rauchen selbst gedrehte Zigaretten, reden, die Zeit wird lang. Dann fragt Thomas: "Was hast du damals eigentlich genau bei der Staatssicherheit gemacht?"

Thomas Zieger war 19, bis zu diesem Tag wusste er nicht viel über das, was sein Vater vor 1989 getan hatte. Als Kind sagte man ihm, sein Papa sei ein Polizist, ein paar Jahre später erzählte ihm der Vater, was er wirklich gewesen war: ein Stasi-Offizier. Einer von mehr als 90.000 Menschen, die hauptamtlich für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR arbeiteten. Fest angestellt bei einem der berüchtigtsten Geheimdienste der Welt.

In der Abflughalle erzählt der Vater seine Geschichte: wie er 1971, mit 18 Jahren, von einem Stasi-Mann angeworben wurde. Wie er kurz vor dem Abitur die Schule schmiss, um Offizier zu werden. Wie er in Schönschrift die Verpflichtungserklärung schrieb, das Treuebekenntnis zur Staatssicherheit. Dienstbeginn: Dezember 1972, Dienststelle Otto-Schmiedt-Straße Leipzig, erst im Wachdienst, ab 1981 in der Abteilung VI. Für die "Abwehrarbeit unter Angehörigen der Zollverwaltung der DDR" war Andreas Zieger zuständig. Er leitete ein Netz aus inoffiziellen Mitarbeitern, 30 Spitzel hat er in acht Jahren angeworben. Sie sollten ein Auge auf die Zöllner haben, sicherstellen, dass sie keine Fluchtpläne schmiedeten, keine Kontakte in den Westen pflegten und keine konfiszierten Westpakete klauten. Das Leben von rund 300 Zollbeamten ließ Zieger mithilfe seiner Spitzel ausspionieren. Drei Mal wurde er befördert, zuletzt zum Hauptmann. Wenn er besonders gut war, bekam er einen Orden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 01/2014. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Thomas Zieger hat sich alles angehört. "Was mein Vater bei der Stasi gemacht hat, war absolut falsch", sagt er. "Trotzdem könnte ich ihn nie verurteilen." Ein Dilemma sei das, sagt er. "Den Ausweg habe ich noch nicht gefunden." Zieger, inzwischen 31, ein Mann mit ruhiger, fester Stimme und leichtem sächsischem Akzent, sitzt in einem sanierten Wohnblock in Leipzig-Grünau, einer der größten Plattenbausiedlungen der ehemaligen DDR. Ein paar Möbel stehen im Raum, eine beigefarbene Sitzecke, ein Bücherregal. Draußen vor dem Fenster leuchtet in grellem Gelb der Netto-Supermarkt, drinnen in der Wohnung ist das Licht schummrig, die Luft schwer vom Zigarettenqualm. Neben Thomas Zieger sitzt der Vater, der fast verschwindet hinter seinem weißen Bart. Er raucht. Pall Mall Big Box, Kette. Vor Kurzem hat er seinen 60. Geburtstag gefeiert. Er sieht älter aus.

17 Jahre seines Lebens arbeitete der Vater für ein Ministerium, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, eine ganze Gesellschaft einzuschüchtern. Das Karrieren, Freundschaften und Familien zerstörte und für die psychische Zermürbung seiner Gegner einen eigenen Terminus erfand: die "Zersetzung feindlich-negativer Personen". Kaum jemand von der Stasi wurde je dafür bestraft. Und während viele Opfer bis heute auf Entschädigung warten, beziehen die einstigen Mitarbeiter der Staatssicherheit ihre Rente – vom Klassenfeind.

"Ich war in einem permanenten Zustand der selbst auferlegten Schizophrenie", sagt Andreas Zieger. Einerseits habe er lange an das System geglaubt: den Sozialismus, die DDR. Doch die Methoden, mit denen sich Staat und Partei gegen kritische Bürger schützen wollten, habe er immer weniger vor sich selbst rechtfertigen können.

So wie damals, am 15. Januar 1989, als in Leipzig etwa 500 Menschen vor das Neue Rathaus ziehen, für mehr Meinungsfreiheit demonstrieren und von der Polizei eingekesselt werden, ein Vorbote der Montagsdemonstrationen, die kurz vor dem Ende der DDR begannen. Andreas Zieger ist als Stasi-Mann in Zivil dabei, er soll die Demonstranten überwachen und Systemgegner an die Zentrale melden. In der Menschenmenge entdeckt er seinen alten Schulfreund Michael. Andreas Zieger sagt heute, er sei auf Michael zugegangen, um ihn aus dem Kessel rauszuholen. Doch als der sich weigert, lässt er ihn verhaften. "Abends bei meiner Frau hab ich Rotz und Wasser geheult", erzählt er. "Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich niemals sein wollte: Ich hatte jemanden verhaften lassen, den ich selber kannte." Michael hat er seitdem nie wieder gesehen.