Vor dem Aus stehen

Mein Betreuer hat mich sitzen lassen. Es gab Irritationen zwischen uns, er spricht von Kommunikationsproblemen und Betreuungsengpässen. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir bis heute nicht so richtig erklären, was passiert ist. Das wirklich Dramatische ist, dass ich seit Kurzem nicht mehr Mitglied im Graduiertenkolleg bin. Mein Thema passe nicht zu dem Kolleg, hieß es in der Stellungnahme. Dabei war es abgesprochen. Ich verhandle immer noch wie blöd mit der Uni, dass sie ihre Entscheidung überdenken soll. Das bedeutet nämlich den Verlust meines Stipendiums.

Ich bin Anfang 30, ohne Arbeit und stehe ohne Lebensentwurf da. Meine Wettbewerbsposition ist versaut, die wissenschaftliche Karriere momentan ausgeschlossen. Ich fühle mich komplett verlassen. Dabei lief es anfangs gut auf dem Kolleg, und ich war glücklich, von den Kurzzeitverträgen auf ein Stipendium wechseln zu können. Davor war es schwierig, Zeit für meine Promotion freizuhalten, solange ich mich dauernd um die nächste Anstellung und das Einkommen sorgen musste. Jetzt merke ich, dass nicht nur die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter schlecht sind, auch der Rechtsschutz für Stipendiaten ist mies. Und wie abhängig jeder Promovierende von der Willkür der Unis ist, ihm die nötigen Ressourcen und die Betreuung zur Fertigstellung der Arbeit bereitzustellen.

Nicht zur Ruhe kommen

Ich bin immer so getrieben. Gerade liegt meine Dissertation zur Korrektur bei den Gutachtern. Ein Buch von 600 Seiten. Ich warte auf die Note und den Termin der Verteidigung. Wenn so eine Pause eintritt, holt man sich erst mal einen Schnupfen. Die letzten vier Jahre waren meine stressigste Lebensphase. Auch danach ist der Stress nicht weg. Ich denke immer, ich muss irgendwas machen. Könnte ich was vergessen haben? Ich habe so eine Sprint-Energie entwickelt. Im Grunde hetze ich atemlos von Termin zu Termin. Als Geisteswissenschaftler hat man keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ich kenne viele, die in der Versenkung verschwunden sind.

Die guten Stellen in der Wissenschaft sind besetzt, viele neue werden nicht geschaffen. Es gibt extrem viele Bewerber. Ich mache alles, um eine gute Stelle zu finden: Ich habe gute Noten und schon während der Dissertation ein Netzwerk aufgebaut, an Konferenzen und Symposien teilgenommen, Artikel publiziert, den eigenen Namen bekannt gemacht. Ich habe auch eine eigene Homepage. Wenn man auf diesem Gebiet weitermachen will, muss man ein bisschen für sich werben. Jetzt geht es darum, bei welchem Verlag ich meine Arbeit unterbringe. Am Institut habe ich mich schon einmal als verlässlicher Mitarbeiter in Position gebracht, aber ob das für eine Stelle reicht?

Sich falsch entscheiden

Wache ich irgendwann auf und weiß es einfach? Will ich in die Wissenschaft oder in die Industrie? Diese Entscheidung hat mir während der Promotion lange Bauchschmerzen bereitet. Zwei Jahre lang habe ich zuvor für McKinsey gearbeitet, die finanzierten mir auch die Promotionsphase. Mein Thema waren zufallsbedingte Algorithmen. Zusätzlich hatte ich eine Stelle am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken und ein Stipendium von Google. Geldsorgen kannte ich nicht. Aber ich habe mich gefragt: Welcher Lebensstil passt zu mir? Welcher geht besser mit Familie?

Nach der Abgabe habe ich erst mal Teilzeit bei McKinsey und am Max-Planck-Institut gearbeitet, weil ich mich noch immer nicht entscheiden konnte. Irgendwann war mir aber klar, dass es schwierig werden würde, den Lebensstil einer Beraterin mit meinem Kinderwunsch zu vereinbaren. Am Max-Planck-Institut bekamen gerade zwei Kollegen Kinder. Ich fragte den Direktor, wie er meine Chancen auf eine feste Stelle in der Wissenschaft einschätze. Er war recht zuversichtlich. Das waren drei Signale für mich. Jetzt lebe ich in Paris und arbeite an der Université Pierre et Marie Curie. Ich habe eine Dauerstelle zum Forschen und entscheide frei, wie viel Lehre ich machen möchte. Mein Mann ist als Professor an einer anderen Uni in Paris. Unsere Tochter ist sieben Monate alt.