Aus den Lautsprechern hämmert Dubstep, als eine Horde junger Männer auf dem Monitor auftaucht. Sie tragen schwarze Sturmhauben und sind bewaffnet mit Brecheisen und Äxten. Das Bild wackelt. Jetzt ist ein parkendes Auto zu sehen, die Männer schlagen darauf ein. Glas splittert. Blech wölbt sich. Die Musik läuft weiter, während einige das Auto anheben, auf die Seite kippen und aufs Dach krachen lassen. Die Männer jubeln. An dieser Stelle stoppt Arkadi Gritschischkin das Video.

"Früher haben die Dealer hier aus parkenden Autos ihren Stoff verkauft", sagt er. "Wir mussten was tun." Gritschischkin ist einer der vermummten Schläger in dem Video. Jetzt sitzt er neben mir in seinem Zweibettzimmer in einem Moskauer Studentenwohnheim. In der Ecke lehnt ein Baseballschläger, vom Regal baumeln Handschellen, auf einem Foto posiert er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Gritschischkin ist 21 Jahre alt, Sportstudent und der Anführer einer Gruppe namens MAS, das steht für "Junge Antidrogen-Spezialeinheit". Die MAS bekämpft Dealer – ganz wörtlich. In den Pressemitteilungen, die Gritschischkin mir und anderen Journalisten geschickt hat, schreibt er von "zivilgesellschaftlichem Engagement". Doch die Videos, die er unter seinem Klarnamen ins Internet stellt, sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen, wie er und seine Freunde Autos zerdreschen, die Fenster von Kiosken zerschlagen und gefesselte Männer mit Industrielacken übergießen. "Wir verpassen den Dealern eine Abreibung, die sie nicht vergessen", sagt er.

Arkadi Gritschischkin wurde 1992 geboren – im Jahr, in dem meine Familie Russland verließ und nach Deutschland zog. Ich war damals sieben. In den Neunzigern war ich noch oft in Russland, weil wir in den Sommerferien in unsere Datscha fuhren. Ich erinnere mich noch an die russischen Skinheads, die damals Jagd auf Andersdenkende machten, aber nicht an Bürgerwehren, wie es sie heute in Moskau und anderen Städten gibt: selbst erklärte Ordnungshüter, die Jagd auf Falschparker machen, auf Pädophile, illegale Einwanderer und Dealer.

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Als Arkadi Gritschischkin sieben war, wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten gewählt. Das war 1999. Seitdem hat sich Russland verändert. Die Russen sind stolzer geworden. Und kälter. "Russland den Russen", dieser Aussage stimmten bei einer Umfrage im Oktober zwei Drittel aller Befragten zu. Auf der Straße wird offen über "Kaukasier" geschimpft, also über Menschen, die aus Tschetschenien oder Dagestan kommen und als Russen zweiter Klasse gelten. In diesem neuen Russland wurden die Frauen von Pussy Riot nach ihrem illegalen Konzert wegen "Rowdytum" verurteilt und ins Arbeitslager geschickt. Die MAS jedoch bleibt unbehelligt, obwohl sie Autos zertrümmert, Scheiben einschlägt und Menschen verprügelt. Das neue Russland ist mir fremd. Deshalb habe ich mich mit Arkadi Gritschischkin verabredet.

Am Tag bevor ich mit ihm im Wohnheimzimmer sitze und mir seine Videos anschaue, besuche ich das Hauptquartier der MAS. Die Antidrogengruppe trifft sich im Büro der Jugendorganisation Junges Russland. Offiziell gehöre diese Gruppe zu keiner politischen Partei, unterstütze aber die amtierende Regierung, sagt mir die Pressesprecherin. Wer beim Jungen Russland mitmacht, bekennt sich dazu, "die Interessen unseres Heimatlandes zu verteidigen" und Russland vor "westlicher Expansion, Terrorismus und Korruption" zu schützen. Die Fenster des Hauses in der Nähe der Moskauer Innenstadt sind vergittert, die Tür ist mit Stahl beschlagen, es gibt eine Klingel, aber kein Namensschild.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/14. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Als ich das Büro betrete, bin ich überrascht: Ich hatte Hooligans erwartet, doch vor mir sitzen ganz durchschnittliche Studenten. Manche tragen Sportklamotten, andere enge Jeans. Etwas abseits sitzt ein Langhaariger und liest ein Buch. Die Stimmung ist wie im Asta-Café: Wer von der Uni kommt, schaut kurz rein, begrüßt die anderen, macht sich einen Tee. Zwei Jungs beugen sich über einen Laptop. In einer Excel-Tabelle haben Sie Handynummern von Dealern gespeichert. Sie telefonieren die Nummern ab, um zu prüfen, welche noch aktiv sind, und um die Preise zu vergleichen. "Der will 1000 Rubel?", ruft einer der beiden. "Voll billig das Zeug!"

Die MAS lehnt alle Drogen ab, außer Alkohol und Zigaretten. Gezielt kämpft sie aber nur gegen Spice, eine synthetische Droge, die ähnlich wie Cannabis wirkt. 2009 wurde Spice in Russland verboten. Seitdem sind immer neue chemische Varianten aufgetaucht. Die Wirkung ist fast dieselbe, aber wegen ihrer veränderten Zusammensetzung sind sie nicht vom Spice-Verbot betroffen. Ihr Verkauf ist zwar nicht illegal, aber auch nicht gern gesehen, deshalb versuchen die Dealer, nicht aufzufallen. Sie sprühen ihre Handynummern an Mauern oder verteilen Kärtchen. Wer anruft, kann sich mit ihnen verabreden.