ZEIT Campus: Herr Jost, Sie haben eine Internetjobbörse gegründet und beraten Unternehmen. Was empfehlen Sie Absolventen, die sagen: Ich bin motiviert und will arbeiten, aber nicht am Wochenende. Und ich möchte auch nicht in der Freizeit E-Mails checken. Kann man das im Bewerbungsgespräch sagen?

Christoph Jost: Auf jeden Fall! Das Thema Work-Life-Balance sollte angesprochen werden. Dann wissen beide, Chef und Bewerber, worauf sie sich einlassen.

ZEIT Campus: Und wie macht man das am besten?

Jost: Am Ende eines Vorstellungsgesprächs ist Raum für die Fragen des Bewerbers. Den sollten Sie auch nutzen. Das kann eine Gratwanderung sein, denn der Arbeitgeber sollte nicht das Gefühl bekommen: "Der Typ hat gar keine Lust auf den Job und denkt schon vor seinem ersten Arbeitstag nur an seinen Urlaub."

ZEIT Campus: Wie verhindere ich diesen Eindruck?

Jost: Es hilft, im Vorfeld weitere Fragen zum Beispiel zur Unternehmenskultur zu stellen. So verliert das Thema im Gespräch an Gewicht. Ein guter Weg ist es auch, das Thema bewusst zu überspitzen. Wer auf humorvolle Weise sagt "hundert Stunden pro Woche wären bei mir die Obergrenze", bekommt vom Arbeitgeber wahrscheinlich eine realistische Einschätzung, was die Arbeitszeit angeht. Klar ist aber auch, dass in bestimmten Branchen das Privatleben zunächst einmal zurückstecken muss. Wer das nicht in Kauf nimmt, ist dort sicher falsch.

ZEIT Campus: Also klingt es doch eher faul, wenn man das Thema Work-Life-Balance erwähnt?

Jost: Nein, denn es geht ja nicht darum, möglichst wenige Stunden zu arbeiten. Arbeitgeber können auch einen besseren Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit schaffen, indem sie ihren Mitarbeitern möglichst große Freiheit dabei lassen, wann und von wo sie arbeiten. Zahlreiche Unternehmen haben Gleitzeit eingeführt oder ermöglichen gelegentlich das Arbeiten im Home-Office. Da man die Zeit so einteilen kann, wie es einem passt, kann man die Freizeit intensiver genießen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/14. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Kann ich beispielsweise mit dem Fachkräftemangel für meine Anliegen argumentieren?

Jost: Ja, wobei ich Absolventen nicht dazu raten würde, damit eine Verhandlung zu eröffnen. Aber wenn es in der Wirtschaft gut läuft, wie zum Beispiel vor der Finanzkrise im Jahr 2008 oder auch jetzt gerade, dann können die Absolventen auch selbstbewusst mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber verhandeln. Was das Gehalt, Extras wie den Dienstwagen oder auch die Work-Life-Balance betrifft, können sie dann deutlich mehr verlangen. Als Berufseinsteiger sollte man es aber nicht übertreiben: Wir wissen von unseren Kunden, dass Bewerber, die schon im ersten Gespräch fragen, wann sie den Vorstand treffen, nicht gut angekommen.

ZEIT Campus: Die Investmentbank Goldman Sachs hat kürzlich eine Richtlinie herausgegeben, wonach die Mitarbeiter nicht mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten sollen.

Jost: Ein bemerkenswerter Vorstoß. Spannend wird, wie Goldman Sachs das umsetzt. Schließlich gibt es dort eine lange Tradition, was die teils extremen Arbeitszeiten der Mitarbeiter angeht.

ZEIT Campus: Ist so etwas nur Symbolik – oder nehmen die Chefs in Unternehmen das Thema ernst?

Jost: Insgesamt wird die Balance immer wichtiger. Allerdings ist das nicht die einzige Entwicklung: Der Trend geht in vielen Branchen hin zur sogenannten Work-Life-Choice. Mitarbeiter können verabredete Zeiten wählen, in denen sie nicht arbeiten oder erreichbar sind. Wir hören zunehmend von Strategieberatungen, bei denen die Mitarbeiter zwei bis drei Monate unter Hochdruck arbeiten. Wenn das Projekt beendet ist, können sie sich bis zu mehrere Wochen Urlaub nehmen. Das ist womöglich das richtige Modell für eine Generation, die nach vielen Dienstreisen auch privat gerne weiter unterwegs ist.