Den Kalten Krieg kenne ich nur aus Filmen. Das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion endete, als ich ein kleiner Junge war. Die Waffenarsenale von damals existieren aber immer noch. Zum Beispiel in Potschep, einem Ort im Süden Russlands. Dort lagern heute, lange nach Ende des Kalten Kriegs, russische Chemiewaffen: Tausende Fliegerbomben, gefüllt mit den Nervengiften Sarin, Soman und VX. Insgesamt handelt es sich um 7.500 Tonnen Gift, von dem ein Gramm reichen würde, um einen Menschen zu töten. Ich bin damals 27 Jahre alt und seit einem Jahr mit meinem Studium der Umwelttechnik fertig, als mein Chef mich anruft: Ob ich mir vorstellen könnte, bei der Vernichtung der Chemiewaffen in Potschep zu helfen? Ich sage zu.

Der Auftrag kommt vom Auswärtigen Amt und ist ein Großprojekt für meine Firma, die nicht nur giftige Reststoffe entsorgt, sondern auch Anlagen zur Abluft- oder Abwasserreinigung baut. Chemische Kampfstoffe müssen bei einer Temperatur von mindestens 1.100 Grad verbrannt werden, dann bleiben am Ende nur noch Salze übrig. Die Anlage, die man dafür braucht, ist komplex – und so groß wie ein Fußballfeld. Ich will in Potschep dabei sein. Nicht nur weil mich die Technik fasziniert, sondern auch weil die ersten chemischen Kampfstoffe unter anderem in Deutschland entwickelt wurden. Ich finde, wir haben eine Verantwortung, diese Waffen aus der Welt zu schaffen.

In Böblingen bauen meine Kollegen und ich die Verbrennungsanlage zu Testzwecken auf. Das dauert Monate, ist aber wichtig: Fehlende Teile können wir später nicht einfach nachbestellen. Wir müssen sicher sein, dass alles funktioniert. Nach dem Testlauf in Deutschland bauen wir die Anlage wieder ab und reisen damit nach Russland.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Als wir die Baustelle in Potschep erreichen, sehen wir dort: nichts. Nur eine matschige Wiese und dahinter Wald. Die Anlage muss in einer geschützten Halle stehen, aber die Russen gießen gerade erst das Fundament für die Halle. Ein Missverständnis – und so geht es auch weiter. Wir brauchen Gas, doch die Leitungen sind noch nicht fertig. Kaum bauen wir etwas auf, wollen die russischen Techniker an dieser Stelle Kabel verlegen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass kein Chaos ausbricht. Das ist nicht einfach. Wir haben zwar Dolmetscherinnen, aber ich kann sie nicht wegen jeder Kleinigkeit rufen. Also benutze ich Hände und Füße, um mit den russischen Arbeitern zu kommunizieren. Das klappt. Nach und nach entsteht eine riesige Verbrennungsanlage: erst die Öfen, dann die Rauchgasreinigung, dazu Belüftung und Filter.

Die Chemiewaffen sind nur wenige Kilometer von der Baustelle entfernt, in einem russischen Militärstützpunkt. Bei dem Gedanken wird mir mulmig. Das Zeug liegt dort seit Jahren – je schneller es wegkommt, desto besser.

Wenn ich abschalten will, klettere ich zum Sonnenuntergang auf das Dach der Halle, in der unsere Anlage entsteht. Von dort oben sieht man nichts als Wälder. Wir wohnen monatelang in provisorischen Containern, aber Heimweh nach Deutschland habe ich nicht. Wir werden gut versorgt und haben sogar einen deutschen Koch. Oft gibt es Frikadellen oder Haxe. Abends sind wir bei den Leuten aus Potschep, die uns russische Trinksprüche beibringen. In meinen Wohncontainer gehe ich nur zum Schlafen.

Nach sechs Monaten verlegt das russische Militär eine Bahntrasse. Sie führt vom Stützpunkt aus, wo die Waffen lagern, bis zu unserer Anlage. Da weiß ich: Bald geht es los. Wir testen noch einmal jedes Detail unserer Verbrennungsanlage: Werden die Öfen heiß genug? Sind die Rohre dicht? Alle Schritte müssen hundertprozentig sicher sein, denn die Dämpfe bei der Verbrennung der Chemiewaffen sind hochgiftig.

Als die Anlage fertig aufgebaut und getestet ist, übergeben wir sie an die Russen. Ich bin fast ein wenig wehmütig. Der Aufbau hat mehr als ein Jahr gedauert. Als ich schon lange wieder in Deutschland bin, bekomme ich einen Bericht: Die ersten Tonnen Nervengas sind vernichtet worden. Vielleicht schütteln sich Politiker in Berlin und Moskau die Hände und feiern, dass eine deutsche Firma mithilft, russische Giftwaffen zu entsorgen. Dazu werde ich nicht eingeladen, aber das macht nichts. Der Kalte Krieg ist vorbei. Und ich habe das Gefühl, die Welt ein wenig sicherer gemacht zu haben.