Mit einem Lineal schnipse ich einen Papierball auf eine Deutschlandkarte. So fängt alles an. Der Papierball fliegt in hohem Bogen durch die Luft, landet auf der Karte, kullert noch ein bisschen und bleibt in der nördlichsten Ecke von Bayern liegen, fast an der Grenze zu Tschechien: bei Hof an der Saale. Hof? Nie gehört. Im Februar fahre ich hin.

Wir in der ZEIT CAMPUS-Redaktion wollen wissen: Was passiert in deutschen Hochschulstädten? Deshalb reisen wir ab sofort regelmäßig an Orte, die der Zufall bestimmt, und suchen dort nach Geschichten.

Auf Facebook bitte ich Studenten aus Hof um ihre Hilfe. Verabredungen zum Kaffeetrinken und eine WG-Couch zum Übernachten habe ich so schon vor meiner Anreise.

Hof vs. Happiness

Der Bus zur Fachhochschule von Hof fährt quer durch die Innenstadt, vorbei am Rathaus, an Fielmann, Sunpoint und lange nicht mehr renovierten Altbauhäusern. Er fährt über die Saale, entlang des Stadtparks, durch eine Wohnsiedlung. Nach einer Viertelstunde kommt man auf dem Berg an, auf dem die FH liegt. Ein Bau mit viel Glas, Flachdach und einem künstlich angelegten See.

Die Sonne steht schon tief, als eine Gruppe von Jungs vor der Hochschule mit Mönchshof-Bier anstößt. Eben haben sie ihre letzte Klausur geschrieben. "Endlich haben wir Semesterferien und können nach Hause fahren", sagt einer von ihnen. Er heißt Martin*, ist 25, trägt Turnschuhe, enge Jeans und Vollbart. Er hat sich auf Facebook bei mir gemeldet und versprochen, mir seine Stadt zu zeigen. Martin macht hier seinen Master in Logistik. In zwei Monaten, wenn die Ferien vorbei sind, wird er wiederkommen. Einige seiner Freunde werden Hof in den nächsten Tagen für immer verlassen, sie sind jetzt fertig mit dem Studium. Heute feiern sie nicht nur das Ende des Wintersemesters, sondern auch das Ende ihrer gemeinsamen Zeit.

Als der Kasten Bier leer ist, nehmen die Jungs mich mit zu Robi*. Robi wohnt in der Studentensiedlung in der Altstadt. Die Bungalows sehen aus wie große Holzwürfel. Robis Zimmer ist schon leer geräumt. "Ich hab dich lieb", ruft einer und wirft sich auf Robis Schoß. Beim Anstoßen zerbricht eine Flasche Kulmbacher, und Robi muss die Hose wechseln. Als ich darüber lache, sagt Martin: "Normalerweise sind wir gar nicht so." Mist. Ich will nicht, dass die Jungs sich schämen, es ist doch ihr letzter Abend. Ich stelle noch eine Frage, danach halte ich mich zurück: Wie findet ihr Hof? Martin sagt: "Wenn man Freunde hat, ist es überall gut." Ein bisschen klein sei Hof. Wie das Angebot an Kneipen: Es gibt das Finale, das Rossini, die Linde und den Treffpunkt. Aber bisher war er nur im Finale. "Ein kleiner Ort macht faul", sagt er.

Ins Finale gehen wir als Nächstes. Drinnen ist es dunkel, die Wände sind holzvertäfelt, an den Tischen sitzen junge Leute. Martin und seine Freunde sind betrunken, aus irgendeinem Grund grölen sie: "Eine Revolution für Hof!" Um 23 Uhr werden wir aus der Kneipe geworfen.