Es war ein Giftmord! Daran besteht kein Zweifel für Hercule Poirot, denn die Leiche von Emily Inglethorp weist Spuren von Strychnin auf, einer giftigen Stickstoffverbindung. Während der Privatdetektiv noch rätselt, wer der Täter sein könnte, bereitet Agatha Christie schon ihren nächsten Giftmord vor. Sie hat lange genug in einer Apotheke gearbeitet, um zu wissen, wie man Chemikalien mischt. Und sie hat keine Zeit zu verlieren: Die Leser sind begeistert von ihrem Roman Das fehlende Glied in der Kette aus dem Jahr 1920. Fast jedes Jahr veröffentlicht Agatha Christie nun einen neuen Krimi – und ist damit phänomenal erfolgreich. Ihre Bücher werden von Millionen Lesern gekauft, und ihr Held Hercule Poirot ist so berühmt wie später höchstens Harry Potter. In mehr als 40 Krimis lässt Agatha Christie die Opfer vergiften – und beschreibt das mit wissenschaftlicher Präzision.

Agatha Mary Clarissa Miller wird 1890 in Torquay geboren, einem Seebad in der Grafschaft Devon an der englischen Südküste. Ihre Eltern sind wohlhabend, der Vater ist Privatier, die Mutter eine launische Künstlernatur. So beschreibt es Agatha später in ihrer Autobiografie. Familie Miller lebt in viktorianischem Luxus: Die drei Kinder, Madge, Agatha und Monty, wachsen mit Köchen und Kindermädchen auf. Agatha in die Schule zu schicken kommt für die Mutter nicht infrage. Sie will sie in Freiheit aufwachsen sehen. Agatha sorgt selbst dafür, dass ihr nicht langweilig wird. Sie spielt mit imaginären Freunden und fragt ihre Kindermädchen aus. Von den Bediensteten lernt sie auch, wie man sich als vornehme Dame zu verhalten hat.

Zum Musikstudium wird Agatha nach Paris geschickt. Sie soll bei den besten Professoren der Stadt studieren, so entscheidet es ihre Mutter. Paris ist in diesen Jahren das kulturelle Zentrum Europas. Wer etwas auf sich hält, kommt hierher. Die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein zum Beispiel, die mit moderner Literatur experimentiert und in ihrem Salon am Jardin du Luxembourg Künstler wie Pablo Picasso empfängt. Die Studentin Agatha bekommt davon nichts mit. Während andere die Literatur und die Kunst neu erfinden wollen, quält sie sich damit, die Konventionen zu erlernen. Sie sitzt stundenlang am Klavier und übt Beethoven, Fauré und Tschaikowsky, während ihr Professor hinter ihrem Rücken auf und ab geht und auf den nächsten Fehler wartet. Der Gesangslehrer beschimpft Agatha für ihr "englisches Gesicht", das wie alle englischen Gesichter stumpf und unbeweglich sei. Vor Auftritten schläft Agatha schlecht. Bald glaubt sie selbst nicht mehr, dass sie einmal von der Musik leben wird. Sie bricht ihr Studium ab und kehrt nach England zurück.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Dann wird in Sarajevo der österreichische Thronfolger erschossen. Der Erste Weltkrieg beginnt. Als die Deutschen in Belgien einmarschieren, ziehen auch die Engländer in den Krieg. Für Agatha kommt das überraschend. Überstürzt heiratet sie ihren Freund, den Luftwaffenoffizier Archibald Christie, kurz bevor er nach Frankreich an die Front muss. Während Archibald gegen die Deutschen kämpft, meldet Agatha sich freiwillig als Krankenschwester. In der Apotheke eines Lazaretts in ihrem Heimatort Torquay hantiert sie von nun an täglich mit chemischen Substanzen. Hier lernt sie, dass der Unterschied zwischen Medizin und Gift oft nur eine Frage der Dosierung ist. Dass man Menschen mit Chemie heilen kann – und töten.