ZEIT Campus: Herr Decker, vor welchen technologischen Herausforderungen steht unsere Gesellschaft?

Michael Decker: Wir müssen die Energieversorgung sichern, ohne den Klimawandel zu verschlimmern. Wir stehen im Gesundheitswesen und in der Pflege vor schweren Aufgaben, denn unsere Gesellschaft altert. Wir müssen uns vor Naturkatastrophen, Terrorismus und Organisierter Kriminalität schützen. Sie gefährden unsere Sicherheit.

ZEIT Campus: Klingt nach einer To-do-Liste für die Rettung der Welt. Können Ingenieure das schaffen?

Decker: Nicht alle Probleme lassen sich mit Technik lösen. Aber Ingenieure müssen ihren Teil dazu beitragen. Unser größtes Kapital in Deutschland ist die Innovationskraft. Das müssen wir nutzen.

ZEIT Campus: Woran genau wird denn in den zukunftsweisenden Branchen gearbeitet?

Decker: Daran, dass wir in Zukunft in Elektroautos zur Arbeit fahren können, die Sonnenstrom getankt haben. Dass unsere Stromnetze Energie genau dorthin schicken, wo sie gebraucht wird. Ingenieure erfinden Technik, bis hin zu Robotern, die Alte und Kranke pflegen helfen. Sie bringen die Nanotechnologie voran, die uns hilft, Materialien zu optimieren. Autoreifen zum Beispiel haben heute eine gute Haftung und energiesparende Rolleigenschaften – zwei Dinge, die man schwer gleichzeitig erreichen kann.

ZEIT Campus: Deutschland hat angeblich die besten Ingenieure der Welt. Warum ist es trotzdem so schwer, diese Probleme zu lösen?

Decker: Weil viele davon nicht für sich stehen, sondern mit anderen Problemen verwoben sind. Um Elektroautos effizient zu betanken, müssen zum Beispiel der Stromfluss und die Speicherung intelligent gesteuert werden. Das wiederum macht die Autos anfällig für Hackerangriffe. Viele Ingenieure denken stark fortschrittsorientiert, sie blenden rechtliche, wirtschaftliche oder moralische Aspekte um der Innovation willen aus. Die größte Herausforderung wird es sein, bei all den hoch spezialisierten Lösungsansätzen das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Sollten sich angehende Ingenieure erst mal mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen, bevor sie an ihren Konstruktionen tüfteln?

Decker: Nein, das wäre nicht praktisch. Der klassische Ingenieur entwickelt Technologien, und zwar in den meisten Fällen auf einem relativ unspektakulären Gebiet. Wer Zylinderköpfe testet und Ventile optimiert, kann sich nicht ständig über größere Zusammenhänge den Kopf zerbrechen. Wenn man jeden Tag so beginnen würde, wäre man bis mittags mit Philosophieren beschäftigt.

ZEIT Campus: Findet man im alltäglichen Klein-Klein denn Antworten auf die großen Zukunftsfragen?

Decker: Die großen Sprünge sind schwer zu planen. Technikentwicklung passiert meist inkrementell, also in kleinen Schritten. Jeder Ingenieur hat seine kleine Rolle. Es wäre zu viel verlangt, bei jedem Schritt die ganze Kette mitzudenken.