Manchmal hofft der Schüler Albert Camus, er möge die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium nicht bestehen. Einerseits träumt er davon, Abitur zu machen und an die Uni zu gehen, einzutauchen in die Welt der Bücher und des Wissens. Doch wenn er diesen Weg geht, das ahnt er, wird er seine Familie hinter sich lassen. Und in der Tat: Mit jedem Satz, den er später als Schriftsteller auf seinem Weg zum Literaturnobelpreis schreibt, wird er sich seiner Heimat entfremden. Und seiner Familie, die mit der Literatur nichts anfangen kann. "Ich habe ihr unwissendes Leben nicht leben können", berichtet er Jahre später in seiner Autobiografie – da hat er immer noch Schuldgefühle.

Albert Camus wird am 7. November 1913 in einer kleinen Stadt in Algerien geboren, das damals noch eine französische Kolonie ist. Sein Vater ist Arbeiter. Kurz nach der Geburt des Sohnes wird der Vater zum Kriegsdienst eingezogen. Er stirbt im Ersten Weltkrieg, in der Schlacht an der Marne, Camus lernt ihn nicht mehr kennen. Der Junge wächst mit seiner Mutter, seinem Onkel und seiner Großmutter auf. Zu viert teilen sie sich eine kleine Wohnung im Armenviertel von Algier. Die Mutter ist sprach- und hörbehindert, ihr Wortschatz ist nicht größer als der eines Kindes. Der Onkel ist taubstumm.

Es sind Alberts Lehrer, die dem Jungen eine Welt jenseits der Sprachlosigkeit zeigen: die Literatur. Camus beginnt, seiner Familie fremd zu werden, das Wort "Bibliothek" kennt seine Mutter nicht. Was er in der Schule lernt, kann er ihr nicht erklären, auch nicht seiner Großmutter. Wann immer die ihn zu Schulfeiern begleitet, schämt er sich für ihre ärmliche Kleidung und ihr Benehmen – und bereut es dann sofort, sich geschämt zu haben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Nach dem Abschluss schreibt sich Camus an der Universität in Algier für Philosophie ein. Gleich zu Beginn des Studiums spannt er einem Freund die Verlobte aus und heiratet sie. Simone Hié ist exaltiert und begehrt, ein Mädchen aus gutem Haus, sie trägt breitkrempige Hüte, Fuchs-Stola und High Heels. Camus gelt sich jetzt die Haare zurück, trägt Sakko und Fliege. Mit Freunden gründet er eine Theatergruppe, schreibt für Zeitschriften und tritt in die Kommunistische Partei ein. Das ist die Mode unter den jungen Intellektuellen, zu denen er sich jetzt zählt. Auch wenn er nicht lange an Kommunismus und Klassenkampf glaubt, hält er Reden über den Faschismus, der sich in Europa ausbreitet, und über das bankrotte Wirtschaftssystem. Wenn er spricht, sitzt regelmäßig ein Polizist im Publikum.

An der Uni ist Camus nur eine Stunde Fußweg von seiner Familie entfernt – und zugleich eine halbe Welt. Seine Mutter besucht er in diesen Jahren nur noch selten.