Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Bücher zu gigantischen Jenga-Türmen – zöge man nur eines heraus, würde wohl alles einstürzen. Laut Micael Dahlén, 40, hat das Chaos in seinem Büro an der Handelshochschule in Stockholm System: Ein Turm ist für die Lehre, der zweite für die Forschung, der dritte für Buchprojekte. Dahlén wollte früher Rockstar werden. Dann sah er ein, dass eine Laufbahn als Wirtschaftsprofessor vernünftiger ist, und spezialisierte sich auf Konsumverhalten und Marketing. Mit Vollbart, schulterlangem Haar und schwarz lackierten Fingernägeln inszeniert sich der schlaksige Mann heute als der Rockstar unter den Wissenschaftlern – und erforscht Themen, um die andere Akademiker einen weiten Bogen machen. Zum Beispiel in seinem Buch "Monster" (Campus 2014): Darin geht es um das Marketing von Serienkillern, Amokläufern und Kannibalen.

ZEIT Campus: Herr Dahlén, da ich wusste, dass wir uns treffen, habe ich extra die Morde gezählt, mit denen ich heute konfrontiert worden bin. Die Zahl ist: eins.

Micael Dahlén: Der Tag ist noch jung.

ZEIT Campus: Wie viele haben Sie heute gezählt?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Dahlén: Ich versuche das auszublenden – es frisst sonst zu viel von meiner Aufmerksamkeit. Eine Zeit lang war ich besessen davon, Morde zu zählen. Ich bat Hunderte Menschen weltweit, Mordtagebücher zu führen. Da zeigte sich, dass jeder Mensch pro Woche mit circa 17 Morden konfrontiert wird. Amerikanische Kinder nehmen rund 8000 Morde wahr, bevor sie die Grundschule verlassen.

ZEIT Campus: Sie sagen, Mord sei ein Massenprodukt. Was meinen Sie damit?

Dahlén: Wir konsumieren Morde täglich in Zeitungen, im Fernsehen, in Büchern oder in Songs, die im Radio laufen. In Hollywood sagt man: If it bleeds, it leads – was blutet, führt. Letzte Woche war ich in London. Sie glauben nicht, wie viele Stadtführungen es dort zu Jack the Ripper gibt. Sie können auch die passenden Kaffeebecher und Reiseführer kaufen.

ZEIT Campus: Sie sind um die Welt gereist, um Kriminelle wie Charles Manson oder den Kannibalen Issei Sagawa zu treffen – warum?

Dahlén: Anfangs interessierte mich, ob jemand wie Sagawa wirklich existiert. Seine Geschichte hielt ich zuerst für eine urban legend.

ZEIT Campus: Sagawa war Doktorand in Paris, als er eine Kommilitonin ermordete und verspeiste. Er wurde verhaftet, kam in die Psychiatrie, wurde in seine Heimat Japan abgeschoben und lebt dort wegen eines Verfahrensfehlers nach kurzer Haft als freier Mann.

Dahlén: Bei meiner Recherche erfuhr ich, dass er und andere Mörder viel Fanpost und Geschäftsangebote kriegen. Ich wollte wissen, warum das so ist, und beschloss, sie zu befragen.

ZEIT Campus: Wie lange mussten Sie bei jemandem wie Charles Manson baggern, bis er Ihnen ein Treffen in seinem Gefängnis gewährte?

Dahlén: Charles Manson war ziemlich schnell interessiert, als ich mich ihm in meinem Brief als Professor vorstellte. Vor unserem Interview stellte er mich aber auf die Probe: Ich musste ihm als Mitbringsel eine Hang Drum besorgen, ein ziemlich seltenes Instrument. Leute wie Manson bekommen permanent Anfragen, sie haben ihre eigenen Tricks und Kniffe, mit der Aufmerksamkeit umzugehen.