Den Neid werden wir nicht los. Aber er muss nicht immer nur schäbig sein

Aus dem Mund der Frau züngelt eine Schlange. Die Schlange streckt ihren Kopf zurück und spritzt ihr Gift in die Augen der Frau. Invidia heißt das Fresko von Giotto, entstanden um 1305 in Padua. Zu Deutsch: "Neid". Neid, sagt das Bild, das auch mehr als 700 Jahre nach seiner Entstehung noch eine ungeheure Wucht entfaltet, macht uns blind und frisst uns auf. Der Neidische ist "scheelsüchtig", er sieht die Welt nur durch das Auge des Mangels und führt ein Leben im Konjunktiv. Wie glücklich könnte ich sein, wenn ich hätte, was ich nicht habe!

Hässliche Laster gibt es viele, aber der Neid belegt unter ihnen einen Spitzenplatz. Neid ist ein Monster, das nie genug bekommt. Neid ist unlimited, er ist unersättlich und findet immer ein neues Objekt. Neidisch sein kann man auf alles, auf Smartphones und Klamotten, auf Herkunft und Schönheit, auf die guten Noten des Kommilitonen, das tolle Hausarbeitsthema, das jemand anderes sich geschnappt hat, den klugen Gedanken, mit dem der Sitznachbar im Seminar punktet, oder darauf, dass die reichen Eltern der Kommilitonin ihr das Studium finanzieren, während man selbst jobben muss. Neid hört nie auf, und am Ende ist der Neidische sogar neidisch auf die Neidlosen.

Am schlimmsten ist es, wenn sich Neid mit Missgunst paart. Dann bedauert der Neidische nicht nur, dass der andere die schönen Dinge hat; er wünscht, dass der andere sie nicht mehr hat – er gönnt sie ihm nicht.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/14.

Es ist kein Zufall, dass die Kulturgeschichte den Neid wahlweise als Kröte oder als Schlange darstellt, als ein giftiges Wesen, das eine Gesellschaft von innen zerstört. In der hebräischen Bibel erschlägt Kain aus Neid seinen Bruder Abel. Das Christentum bringt den Neid mit teuflischen Mächten in Verbindung und verurteilt ihn als Todsünde. Neid, so lautet die Klage, lässt die Menschen vereisen. Er versiegelt ihre Gefühle und tötet die Liebe.

Der Neid, auch das ist immer wieder bemerkt worden, lebt von einer abgründigen Rivalität, von einem ständigen Vergleichen. Zwei Kinder spielen friedlich mit Bauklötzen, mittendrin steht, völlig unbeachtet, ein Holzbagger. Plötzlich lässt ein Kind seine Klötze fallen und greift zum Bagger, der ihm eben noch gleichgültig war. Ein Streit entbrennt, die Fäuste fliegen.

"Ich will das, was du hast" – für René Girard, den vielleicht einflussreichsten Religionstheoretiker der Gegenwart, ist dieser Mechanismus ein archaisches Erbe des Menschen. Es stammt aus den Zeiten, als er mit Gewalt um das Überleben kämpfen musste. Girards Erklärung für unser Verhalten lautet, dass Menschen soziale Wesen sind und sich mimetisch verhalten. Das heißt, sie ahmen einander nach und vergleichen sich. Ihr Begehren richtet sich nicht auf Objekte, die sie sich selbst ausgesucht haben und die sie aus sich selbst heraus wollen. Nein, sie wollen genau das Objekt, das der andere im Besitz hat – und das eben dadurch interessant wird. Girard nennt das "mimetische Rivalität", und übertragen auf den Neid hieße dies: Wir bleiben ewige Rivalen. Wir können den Zirkel aus Neid und Habenwollen zwar unterbrechen. Aber entkommen können wir ihm nicht.

Man könnte so fortfahren und käme rasch zu der Überzeugung, dass der Neid so tief in der Gefühlsgeschichte der Menschheit wurzelt, dass gegen ihn kein Kraut gewachsen scheint. Neid ist das negative Erbteil des menschlichen Tiers, er ist sein Schicksal. Selbst in einem künstlichen Paradies, unter den himmlischen Bedingungen absoluter Gerechtigkeit, wird die Kröte Neid unterm Busch hocken.

Das ist die Wahrheit, aber vermutlich nur die halbe. Neid ist nämlich nicht nur ein anthropologisches, es ist auch ein soziales Gefühl, und das bedeutet: Er kann von der Gesellschaft erzeugt und missbraucht, er kann moderiert oder verstärkt werden. Die handelsübliche Form gesellschaftlicher Neiderzeugung ist natürlich die Werbung. Seitdem die Überflussgesellschaft viele Produkte nicht mehr wirklich braucht, werden Bedürfnisse über Neidkomplexe manipuliert. "Mein Haus, mein Auto, mein Boot", sagt ein grau melierter Herr im Werbespot eines Finanzdienstleisters zu seinem alten Schulkameraden – und weckt dessen Neid. Gleichsam serienmäßig erfinden PR-Spezialisten Autos mit "hohem Neidfaktor" oder loben an ihrem Produkt ein gutes "Preis-Neid-Verhältnis". Ganz zu schweigen von einem Parfum, das genauso heißt, wie es gemeint ist: Gucci Envy.

Der aggressiv Neidische ist unfähig, Verschiedenheit anzuerkennen

Ausschlaggebend für die Erzeugung von Neidgefühlen ist aber das politische Feld, das Feld der Konkurrenzkämpfe und der Güterverteilung. Neid kann dabei auch zum Kampfbegriff werden. Als der Sozialdemokrat Gerhard Schröder zusammen mit den treu ergebenen Grünen die Hartz-IV-Gesetze durchpaukte, gleichzeitig den Spitzensteuersatz spürbar absenkte und daraufhin heftiger Protest aufflammte, sahen konservative Politiker und Intellektuelle überall nur "Neidhammel" und Investitionshindernisse am Werk. Neid, so behaupteten sie, sei ein Standortnachteil und bremse den wirtschaftlichen Fortschritt. Die Rede war von Deutschland als gigantischem "Neid-Kraftwerk", das die "Eigentumseifersucht" enthemme.

Doch was als Neid kritisiert wird, kann auch ein Indikator für eine objektive soziale Ungerechtigkeit sein, die von einer Gesellschaft, deren Politiker in ihren Parteitagsreden ständig das Wort "Chancengleichheit" im Munde führen, nicht hingenommen werden sollte. Heute weiß man: In den Nullerjahren wurden gesellschaftliche Verteilungskämpfe mit "Missgunst" verwechselt und Bürgerproteste als "Neidkampagnen" verunglimpft.

Der Soziologe Sighard Neckel trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt, der Neidvorwurf sei "eine beliebte Rhetorik, um Forderungen nach größerer Teilhabe als Ausdruck hässlicher Charaktereigenschaften zu diskreditieren". Er diene "in durchschaubarer Weise dem Versuch, zwischen den bereits Begüterten und denen, die noch hochkommen wollen, eine Aufwärtssolidarität gegen Unzufriedene zu stiften".

Und nun? "In keinem Euro-Land", behauptet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, "ist der Reichtum so ungerecht verteilt wie hierzulande". Prekäre Lebensverhältnisse nehmen auch in der Mittelschicht zu, und so scheint es ziemlich illusorisch, dass Neiddebatten der Vergangenheit angehören. Hinzu kommt, dass in unserer Performance-Gesellschaft die scharfen Bewertungskriterien für Leistungsgerechtigkeit verschwimmen, während Zufall, soziale Herkunft und souveräne Selbstinszenierung immer wichtiger werden. Anders gesagt: Wir wissen nicht mehr genau, wie wir Leistung bewerten und woran wir uns dabei halten sollen. Welche Bewertung ist gerecht und angemessen? Uns kommen die Maßstäbe abhanden, um soziale Neidgefühle in Gerechtigkeitsforderungen zu überführen. In der Folge davon werden unsere Gefühle ("das ist total ungerecht!") gleichsam abstrakt und unklar. Neid wird so allgegenwärtig wie schlechte Laune.

Und dennoch: Auch wenn wir den Neid nicht loswerden, kann man sich durchaus eine Gesellschaft vorstellen, in der Neid nicht bloß schäbig und destruktiv, sondern zivilisiert und sogar dem allgemeinen Wohl förderlich ist. Für den Philosophen Martin Seel zum Beispiel kommt alles darauf an, das "vergiftete Begehren" umzudrehen, den Neid "anzuverwandeln" und ihm eine andere Richtung zu geben. Neid dürfe nicht allein negativ und zerstörerisch, sondern er solle produktiv und bereichernd sein. Dieser "Anwandlung wohnt keinerlei Missgunst bei, das heißt: Man begehrt das, was andere haben, ohne sich doch zu wünschen, diese hätten es nicht. Man würde es nehmen, aber man will es ihnen keineswegs nehmen", schreibt er in seinem Buch 111 Tugenden, 111 Laster. Seel unterscheidet den generösen vom aggressiven Neid. Der aggressiv Neidische ist unfähig, Verschiedenheit anzuerkennen und damit klarzukommen, dass andere Dinge besitzen, die er nicht besitzt. Wenn er das begehrte Gut nicht haben kann, dann soll es auch kein anderer haben. Teilweise geht das mit Zerstörungsfantasien einher.

Während der aggressive Neid voller Missgunst steckt und erst dann Ruhe gibt, wenn das Spiel des Lebens stillsteht und alles auf trostlose Weise gleich ist, macht der generöse Neid die Welt nicht ärmer, er macht sie reicher. Wer auf diese Weise neidisch ist, ist in der Lage, Unterschiede anzuerkennen und für das eigene Leben wertvoll zu machen. Gewiss, auch er vergleicht ständig, aber im Gegensatz zum aggressiven Neider missgönnt er anderen nichts, sondern entwickelt Ideen, wie er seinem Ziel auf produktive Weise näherkommen könnte.

So mag jemand beispielsweise neidisch auf die scharfsinnigen Gedanken und die tollen Referate eines Kommilitonen sein. Wäre sein Neid aggressiv, würde er sich vielleicht wünschen, dass sich der Kommilitone ein Bein bricht und deshalb nicht mehr im Seminar auftauchen kann oder dass er sich mit einer unbedachten Äußerung vor allen blamiert. Handelt es sich dagegen um generösen Neid, eifert er dem Beneideten nach und lässt sich von seinem Beispiel anspornen, liest mehr Bücher, schärft seine Argumente und übt sich im Schreiben.

Dieser Neid auf Fähigkeiten ist stimulierend, und er erinnert ganz nebenbei an den germanischen Ursprung des Wortes: Neid war einmal der "Nid", und das meinte Anstrengung, Wetteifer. Wem es gelingt, Neid in Nid zu verwandeln, auf den darf man in der Tat neidisch sein.