Nein: Studiengebühren rütteln an den Grundfesten der Chancengleichheit

Hätte sie ihr Studium bezahlen müssen, hätte Ruth Wagner wohl nie eine Uni von innen gesehen. Wagner kommt aus einem Dorf in Hessen, ihr Vater war Schaffner. Sie studierte Germanistik, später ging sie zur FDP und wurde stellvertretende Landtagspräsidentin. "Mit Studiengebühren wäre mein Leben anders verlaufen", sagt sie.

Wagner hat diesen Satz gesagt, als die Studiengebühren eingeführt wurden. Das Geld sollte die Lehre verbessern, hieß es damals, einige Unis haben davon Klos saniert. Heute sind die Gebühren abgeschafft, und das ist gut so. Sie erschweren den Weg an die Uni, und der ist für Leute wie Ruth Wagner ohnehin hart. Kinder, die als Erste in ihrer Familie studieren, haben oft keine Eltern, die teure Lehrbücher bezahlen oder bei der Seminararbeit helfen können. Während andere lernen, gehen sie kellnern. Studieren ist für sie ein finanzielles Risiko. Gebühren, auch solche, die man erst später zahlen muss, erhöhen dieses Risiko noch. Dabei ist ein Uni-Abschluss die zuverlässigste Fahrkarte für den sozialen Aufstieg: Akademiker verdienen im Schnitt ein Drittel mehr als Menschen ohne Studium.

Einige Bildungsforscher bezweifeln, dass Gebühren abschreckend wirken. Allerdings rechnen sie mit 500 Euro pro Semester. In vielen Ländern sind aber einst niedrige Gebühren stark gestiegen, etwa in den Niederlanden.

Wenn das Einkommen der Eltern die Berufswahl der Kinder bestimmt, rüttelt das an den Grundfesten der Chancengleichheit. Es geht um Lebenswege wie den von Ruth Wagner. Es geht darum, ob man Schaffner wird oder Landtagspräsident.

Caterina Lobenstein, 31, Redakteurin bei ZEIT CAMPUS, demonstrierte als Studentin in Hessen gegen Gebühren – und erlebte deren Abschaffung.