An einem warmen Abend im Sommer 2013 steht ein Mann im Stadion des 1. FC Bocholt und starrt wie hypnotisiert auf das Fußballfeld. Normalerweise spielen hier die Vereine der Oberliga Niederrhein, jetzt stehen 20.000 Menschen auf dem Rasen, strecken die Arme nach dem Mann aus und schreien. Schweiß tropft ihm aus dem schwarzen Haar, die Muskeln seiner tätowierten Arme zucken, und der Gurt der E-Gitarre drückt auf seine schmale Schulter. Sein letzter Song ist vorbei, aber die Menschen vor der Bühne grölen weiter, minutenlang. Der Mann, der fremd ist in dem Stadion, aber gefeiert wird wie ein Star, steht da und regt sich nicht. Er sieht glücklich aus, verstört und ein bisschen überfordert.

Hinter ihm auf der Bühne stehen sein Gitarrist, sein Bassist, sein Drummer, irgendwo auch seine Frau, vielleicht neben Farin Urlaub oder Bela B. von den Ärzten, die heute Abend als Headliner auftreten werden. Nur einer fehlt: sein bester Freund.

Derjenige, mit dem einst alles angefangen hat: Musik machen, Songs schreiben, Punkrock! Vermutlich ist der Freund gerade aufgestanden, 15 Flugstunden von hier entfernt, in Rangun, einer schwülwarmen Millionenstadt am Indischen Ozean, und sitzt jetzt allein in einer Teestube und liest. Oder er läuft durch die schlammigen Straßen, deren Schlaglöcher sich zur Regenzeit knietief mit brauner Brühe füllen, ausgezehrt und auf der Suche nach frischem Methadon.

Es ist zu Beginn des Jahrtausends, als Darko und Scum sich kennenlernen, im Seminar für englische Literatur an der Universität in Rangun. Die beiden sind Anfang 20 und leben in Burma, einem Land zwischen Thailand und Bangladesch. Damals ist Burma abgeschottet vom Rest der Welt, gelähmt durch korrupte Diktatoren und Wirtschaftssanktionen des Auslands. Das Land ist bekannt für seine Arbeitslager und seine Bürgerkriege, politische Gefangene werden hier gefoltert. Die Machthaber haben das Land offiziell in Myanmar umbenannt, doch viele, die gegen die Diktatur sind, sagen weiter Burma, auch Darko und Scum. Es ist ein subtiler Protest, denn Meinungsfreiheit gibt es nicht. Besonders Studenten werden vom Regime verdächtigt, sich aufzulehnen. Vor den Universitäten stehen deshalb Soldaten mit Maschinenpistolen.

Viele Menschen wollen lieber nicht auffallen. Doch Scum trägt einen blondierten Irokesenschnitt, als er am ersten Tag an die Uni kommt, und Darko trägt schwarze Haare, die ihm bis über die Schultern reichen. Darko und Scum sind Einzelkämpfer gegen den Konformismus, ihr Aussehen ist eine Provokation. Auf dem Campus drehen sich die Leute nach ihnen um.

In der ersten Seminarsitzung an der Universität Rangun sollen die Studenten in die Rolle einer britischen Persönlichkeit schlüpfen. Viele wollen Prinzessin Diana sein oder Robbie Williams. Scum sagt: "Sid Vicious!" Da hat Darko seinen Seelenverwandten gefunden. Die beiden verabreden sich, sie kiffen die Nächte durch und hören stundenlang Musik. Auf dem Schwarzmarkt kaufen sie chinesische Raubkopien von den Sex Pistols, Napalm Death und 999, Bands, deren Alben in Burma auf legalem Wege nicht zu bekommen sind. Darko und Scum nehmen gemeinsam Gitarrenunterricht, obwohl sie keine Gitarre besitzen, und träumen von einer Band, ohne zu wissen, wo sie auftreten sollen in Burma. Sie werden beste Freunde.

So erzählen Darko und Scum ihre Geschichte, als sie mehrere Jahre später in Darkos Wohnzimmer im fünften Stock eines Hochhauses in Rangun sitzen. In der Zimmerecke steht ein Schrein mit frischen Blumen vor einem dicken goldfarbenen Plastikbuddha. Daneben lehnt ein Porträt in grellen Acrylfarben, es zeigt Aung San Suu Kyi, die Friedensnobelpreisträgerin, die zur Ikone der burmesischen Opposition wurde.

Die beiden sind ein ungleiches Paar: Darko, der seine Haare inzwischen kurz trägt, ist nicht mehr als Punk zu erkennen, sobald er sich ein Hemd anzieht, deren Ärmel seine Tätowierungen bedecken. Und Scum, der unübersehbare Sprüche auf Haut und Kleidern trägt, die ihn zu einem wandelnden Statement machen. Auf seinem T-Shirt steht "Anti-racist", auf seinem flachen Bauch "hatred" in Frakturschrift und auf seinen Fingergliedern "PUNX". Unter seinem Kragen schaut ein Geier-Tattoo hervor.

Darko raucht Red Ruby, die Marlboro Südostasiens. Scum zieht an seiner Cheroot, einer Zigarre, gedreht aus grob geschnittenem Tabak, eingerollt in die Blätter eines Tropenbaums und mit Zeitungspapier statt eines Filters. Der Rauch steigt aus dem Fenster, von dem man auf die Dächer der Stadt blicken kann. Auf flache Hütten, die fast auseinanderfallen, und auf Kolonialstilvillen, deren Schönheit sich hinter Schimmelpilz versteckt. Auf die Parks, die grüner sind als jeder botanische Garten, und auf die buddhistischen Pagoden, deren goldene Dächer leuchten. Auf das unentwirrbare Netz aus Straßen und Gassen. Man hört Autos hupen und Busse schnaufen. Männer sitzen auf Plastikhockern und schlürfen Tee, barfüßige Jungs spielen Fußball, kleine Mädchen wühlen im Müll nach Essbarem, struppige Ziegen balancieren auf dem Bordstein. Darko erhebt sein Bierglas. "Willkommen in Burma", sagt er. Und weil dann niemand etwas sagt, vielleicht auch weil der Regen so monoton auf die Fensterscheibe prasselt, sagt Scum: "Rangoon sucks."

Es ist die Zeit, in der das Militärregime von Burma zu bröckeln beginnt. Seit 2010 gibt es in Burma Wahlen. Die Opposition erstarkt, und ihre Anführerin Aung San Suu Kyi ist nach jahrelanger Gefangenschaft heute Abgeordnete im Parlament. Amnesty International berichtet zwar immer noch von Menschenrechtsverletzungen, und im Pressefreiheits-Ranking von Reporter ohne Grenzen liegt Burma im unteren Viertel, hinter Bürgerkriegsländern wie dem Südsudan und der Ukraine. Doch es verändert sich etwas.

Bis vor Kurzem gab es in Burma keine Geldautomaten. Jetzt herrscht Goldgräberstimmung, denn die Sanktionen des Auslands wurden gelockert. Mehr als 60 Millionen Menschen leben in Burma, das Land ist einer der letzten unerschlossenen Märkte Asiens. Coca-Cola und eine chinesische Bierbrauerei bauen gerade riesige Fabriken. Apple, Samsung und Google suchen hier nach neuen Kunden. An den Ausfallstraßen von Rangun stehen riesige Tafeln. Sie werben für Plasmafernseher und Zahnweiß-Creme.