Was soll ich tun? – Seite 1

Wer länger nachdenkt, fällt die besseren Entscheidungen? Stimmt nicht. Wer die falsche Wahl trifft, ist verloren? Quatsch. Einfach mal machen wird belohnt? Genau. Eine Kampfschrift gegen die Qual der Wahl

Herzlichen Glückwunsch. Mit diesen Worten müsste jede Erstsemester-Vorlesung beginnen, in jedem Hörsaal an jeder Hochschule dieses Landes. Denn wer ein Studium beginnt, hat bereits Unwahrscheinliches geleistet: Er hat sich für eine aus 16.634 Möglichkeiten entschieden. So viele Studiengänge hat die Hochschulrektorenkonferenz im letzten Wintersemester in Deutschland gezählt.

Niemand informiert sich ernsthaft über 16.634 Optionen. Doch auch wer weiß, was er will, steht heute vor einem ziemlich unübersichtlichen Angebot. Wer früher zum Beispiel BWL gewählt hätte, ein Fach, das in so gut wie jeder Hochschulstadt angeboten wurde und das fast überall denselben Namen trug, muss sich heute schon vor dem Bachelor entscheiden: lieber International Business studieren oder International Management? Oder International Business Management? Wobei, was unterscheidet das eigentlich von International Business Administration und International Business Studies?

Nach der Entscheidung für ein Fach folgt für viele Leute die Wahl einer Stadt, dann die Zimmersuche, Mitbewohnercastings, die Frage nach Auslandssemestern (wo?) und Praktika (wann?), verbunden mit neuer Wohnungssuche und neuen Castings, dieses Mal für Zwischenmieter.

Wer sich dann noch verliebt (treu bleiben oder offen? Monogam leben? Poly?), über den Traumjob grübelt oder über das kommende Wochenende, der ahnt: Das Studium ist die entscheidungsreichste Zeit des Lebens. Und jede Entscheidung, so ist das wohl bei den meisten Menschen, ist verbunden mit der Angst, eine falsche Wahl zu treffen – und das Beste im Leben zu verpassen. Kann man dem entkommen? Man kann. Ein Fluchtplan in vier Schritten.

Erstens: Das Problem erkennen

Mehr Auswahl bedeutet mehr Freiheit. Wahr oder falsch? Barry Schwartz tippt, dass die meisten bei dieser Frage "wahr" wählen. "Angebot ist das Dogma der westlichen Welt", sagt der amerikanische Psychologe. Dass er damit recht haben könnte, zeigt sich unter anderem an den Hochschulen. Seit Jahren fordern deutsche Bildungsexperten ein größeres Angebot, mehr "vertikale" und "horizontale", mehr "funktionale" und "institutionelle" Differenzierung. Bis Studienanfänger sich nun zwischen 16.634 Optionen entscheiden müssen. Ist das noch Freiheit? Oder ist das schon eine Frechheit?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Glaubt man Barry Schwartz und seinem Buch Anleitung zur Unzufriedenheit, dann führt mehr Auswahl ab einem bestimmten Punkt nicht zu mehr Freiheit, sondern bloß zu mehr Stress. Statt uns zu befreien, so schreibt er, lähme sie uns. Es gibt Experimente, die zeigen: Je größer das Angebot ist, aus der Probanden eine Tafel Schokolade, einen Kugelschreiber oder ein Glas Marmelade auswählen sollen, desto schwerer fällt ihnen das.

Selbst wenn man sich für eine von vielen Möglichkeiten entschieden habe, so argumentiert der Psychologe, sei man damit oft unzufrieden. Denn mit der Anzahl der Optionen steigen auch die Ansprüche. Wenn es nur eine Jeans im Laden gibt, gut, dann muss man damit leben, dass sie nicht besonders gut sitzt. Wenn es aber Hunderte Modelle gibt, super slim und relaxed fit, low cut und high waist, und zwei oder drei sitzen ziemlich gut – dann nervt das trotzdem, weil es doch verdammt noch mal eine Hose geben müsste, die perfekt ist.

Und außerdem, sagt Schwartz, sind da die Zweifel: Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte?

Langzeitstudien zeigen: Während das Angebot der Karrierewege, der Lebensstile und der Konsumgüter steigt, sinkt die durchschnittliche Zufriedenheit der Menschen in vielen Ländern. Gibt es da einen Zusammenhang? Barry Schwarz vermutet: ja. Er sagt: "Es geht uns heute besser als früher, aber wir fühlen uns schlechter."

Nicht gut, aber zumindest gut zu wissen: Wer sich mit Entscheidungen quält, ist nicht allein, sondern umgeben von Menschen, denen es ähnlich geht. Und die Ursachen sind nicht die Folge irgendwelcher Naturgesetze, sondern von Menschen gemacht.

Falsche Helden entlarven und Denkfehler vermeiden

Zweitens: Falsche Helden entlarven

Manchmal hilft nur eine radikale Entscheidung. So erzählt es zumindest eine Sage aus dem antiken Griechenland: Etliche Männer waren daran gescheitert, den Streitwagen des alten Königs vom Zuggeschirr zu lösen. Sie grübelten über Lösungen und wussten nicht, wie sie den Knoten entwirren sollten. Nur wer das schafft, würde der neue König werden. Doch zu unentwirrbar waren die Seile verknotet. Dann kam Alexander, 23, zog sein Schwert und schlug den Gordischen Knoten einfach in der Mitte durch. Zack! Problem gelöst.

Heute, 2.300 Jahre nach Alexander dem Großen, inszenieren sich Politiker immer noch gerne als knallharte Entscheider, und zwar ganz unabhängig von ihren politischen Überzeugungen. Unternehmer nennen sich inzwischen sogar so: Man kann kaum den Wirtschaftsteil einer Zeitung aufschlagen, ohne von "den Entscheidern" zu lesen, was auch gleich viel lebendiger klingt als "Vorstandsvorsitzende" oder "CEOs". Und erfolgreiches Entertainment ist, wenn sich Menschen im Fernsehen für ihre Entscheidungen quälen. Zum Beispiel, weil sie entschieden haben, Millionär, Topmodel oder schuldenfrei zu werden. Unentschiedene Kandidaten werden rausgevotet, unentschiedene Manager abgesägt und unentschiedene Politiker verspottet, etwa als "Zauder-Künstlerin", wie ein Journalist kürzlich seine Abrechnung mit Angela Merkel betitelte.

Wie man sich entscheidet, so wirkt das alles, ist gar nicht so wichtig. Hauptsache, man ist überhaupt in der Lage, irgendeine Entscheidung zu treffen und durchzuziehen. Alexander-Prinzip, so könnte man das nennen: hier die Heerscharen der Grübler, dort die Elite der Entscheider.

Diese Vorstellung ist Quatsch. Man wird nicht als Entscheider oder als Grübler geboren. Niemandem gehen alle Entscheidungen leicht von der Hand. Der moderne Heldenkult um "die Entscheider" bringt uns nicht weiter. Was übrigens auch nicht hilft: von der guten alten Zeit träumen.

Drittens: Denkfehler vermeiden

"Man kann heute nicht nur jederzeit den Arbeitsplatz, sondern auch das Geschlecht wechseln", klagt Oliver Jeges. Er ist Anfang 30 und hat ein Buch namens Generation Maybe geschrieben. Jeges glaubt, dass die Entscheidungsunfähigkeit ein Generationending sei. Schuld ist seiner Meinung nach der Liberalismus. Wir lebten heute in der "totalen Multioptionsgesellschaft", schreibt er. "Herkömmliche Grenzen verschwimmen", "neue Grenzen gibt es keine". Es fehlten "Halt und Orientierung", es gebe "gar keine Regeln mehr".

Generation Maybe ist eines von vielen Büchern darüber, "warum wir uns so schwer entscheiden können", wie es in einem anderen Titel heißt, oder "warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben". War früher also alles besser? Damals, als man noch weniger unter Entscheidungszwang stand? Als es für jeden Menschen einen festen Platz in der Gesellschaft gab? Nein, nein, nein!

Stimmt schon, in den 1960er Jahren war die Studienplatzwahl für die meisten sehr einfach: Sie entfiel. Weniger als zehn Prozent eines Jahrgangs konnten damals in Westdeutschland überhaupt studieren. Kniffelige Entscheidungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielten bis Ende der 1970er keine Rolle. Dafür gab es ja ein Gesetz: "Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung", hieß es in Paragraf 1356 des Bürgerlichen Gesetzbuches, der Frauen die Erwerbsarbeit verbot, wenn diese mit der Erfüllung familiärer Pflichten konkurrierte. Nicht nur die Lebensentscheidungen von Frauen übernahm der Staat: Noch Anfang der 1990er waren Männer gesetzlich zur Heterosexualität verpflichtet.

Die Sehnsucht danach, dass Staat und Gesellschaft uns Entscheidungen abnehmen, ist nicht konservativ, sie ist arrogant. Wer ernsthaft glaubt, dass es früher besser war, der muss weiß sein, männlich, heterosexuell und Sohn reicher Eltern. Die meisten sind das nicht, deshalb ist Nostalgie keine Option. Die angebliche "Erosion aller Werte", die selbst in wissenschaftlichen Aufsätzen beklagt wird, ist in Wirklichkeit eine Befreiung.

Mit der Freiheit wächst auch die individuelle Verantwortung. Aber warum sollte das etwas Schlechtes sein?

Die Entscheidung lieben

Viertens: Die Entscheidung lieben

Wenn Ruth Chang von schweren Entscheidungen redet, weiß sie, wovon sie spricht. Das kann man an ihrem Lebenslauf ablesen: Erst machte sie einen Abschluss in Philosophie (inhaltlich interessant, sagt sie, aber wirtschaftlich unsicher), dann einen zweiten in Jura (inhaltlich nicht so interessant, zumindest für Ruth Chang, dafür sicherer). Schließlich wurde sie doch Philosophin – und denkt nun über das Entscheiden nach.

Ihre Philosophie dazu geht so: Wenn eine Option eindeutig besser ist als die andere, dann ist die Entscheidung leicht. Zum Beispiel: Ein Geflügelschnitzel mit Pommes kostet 3,10 Euro. Ein Geflügelschnitzel mit Pommes inklusive eines Desserts nach Wahl kostet 2,95 Euro. Seltsam, wie die Mensaleitung auf diese Preise kommt, aber: Es ist eine leichte Entscheidung.

Schwere Entscheidungen sind anders: Ein Geflügelschnitzel mit Pommes kostet 3,10 Euro. Zum gleichen Preis gibt es Mangocurry mit Paprika und Reis. Die Portionen sind gleich groß. Und beide lecker (das ist schließlich die Mensa!). Wer nicht Vegetarier ist oder Currys hasst, für den ist das eine schwere Entscheidung: Keine der beiden Optionen ist eindeutig besser.

Schwere Entscheidungen müssen nicht wichtig sein, aber viele wichtige Entscheidungen sind schwer: Soll ich in der Stadt leben oder auf dem Land? Eine Familie gründen oder Single bleiben? Philosophie studieren oder Jura?

Bei schweren Entscheidungen sieht es oft so aus, als habe man nicht genug Informationen, um die richtige Wahl zu treffen. Deshalb liest man Ratgeberbücher, schreibt Pro-und-Contra-Listen, besucht Coaching- Sitzungen und grübelt. Das ist falsch, sagt Ruth Chang. Egal, wie lange man über eine schwere Entscheidung nachdenkt, man wird nie zu einem Ergebnis kommen, das so unzweifelhaft richtig ist wie die bessere Option bei einer leichten Entscheidung. Es bleibt das Dilemma, dass es gute Argumente für die eine Option gibt und gute Argumente für die andere: Jura ist sicherer, Philosophie ist interessanter.

"Man sollte nicht zu viele Informationen sammeln, denn das schadet der Entscheidungsfindung", sagt auch der Psychologe Gerd Gigerenzer, der das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung leitet. Seine Experimente zeigen, dass es oft besser ist, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, als lange zu grübeln. Nach der perfekten Lösung zu suchen mache unglücklich – die gebe es meistens nämlich gar nicht, sagt Gigerenzer. "Wer immer versucht, Fehler zu vermeiden, und zu vorsichtig ist, vergibt wichtige Chancen."

Tatsächlich sollten wir für schwere Entscheidungen sogar dankbar sein, sagt die Philosophin Ruth Chang. Denn sie erlaubten es uns, die "Autorenschaft über das eigene Leben zu übernehmen". Das klingt poetisch, ist aber eigentlich ganz einfach: Schwere Entscheidungen muss jeder für sich selbst begründen. Was für ein Typ bin ich? Ist mir Sicherheit wichtiger als Selbstverwirklichung? Familie oder Freiheit? Die Ruhe des Landes oder der Abwechslungsreichtum der Stadt? Mit jeder Begründung schreiben wir an der Geschichte weiter, die wir selber sind. Wir erfinden uns selbst.

Es wäre schlecht, wenn es nur leichte Entscheidungen gäbe. Denn dann wäre immer klar, wie wir zu entscheiden hätten. Wir wären nicht mehr freie Menschen, sondern würden zu Sklaven der Vernunft werden, vielleicht mit Ausnahme von ein paar Rebellen, die in der Mensa absichtlich den höheren Preis für die kleinere Portion bezahlen.

Wirklich frei ist nur, wer schwere Entscheidungen trifft, die ihm niemand abnehmen kann. Die Studienberatung nicht, die Frau hinter der Mensatheke nicht und zum Glück auch nicht mehr der Staat mit seinen Gesetzen und Verboten.

Wer ewig grübelt, wer versucht, sich alle Optionen offenzuhalten um sich bloß nicht zu früh festzulegen, der betrügt sich selbst: Er scheut sich, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, und tut so, als gebe es dafür gute Gründe. Dabei stimmt das Gegenteil: Keine Entscheidung ist so schlecht wie keine Entscheidung.

Fehler machen bringt uns weiter, als abzuwarten. Nämlich mindestens bis zur nächsten Entscheidung. Darf ich? Kann ich? Muss ich? Will ich? Soll ich? Egal, ich mach das jetzt!