Für jede Ausgabe reist ZEIT CAMPUS in eine Hochschulstadt in Deutschland. Wohin, das entscheidet der Zufall.

"Da ist ja nichts"

Als ich Freunden erzähle, wohin ich für meine Geschichte reisen werde, reagieren viele so: "Frankfurt an der Oder?" Dann, sich vergewissernd: "An der Oder?" Und als ich nicke: "Oje." Sie machen dicke Backen, ziehen die Augenbrauen hoch und legen mitleidig den Kopf schräg. Das letzte Mal habe ich jemanden so gucken sehen, nachdem mein Zahnarzt eine halbe Stunde lang erfolglos versucht hatte, mir einen meiner Weisheitszähne rauszuhebeln. Im Internet finde ich Frankfurt (Oder) in einem Ranking der lebenswertesten Regionen Deutschlands ganz unten. Das kann ja was werden, denke ich – und mache dicke Backen.

Die Stadt liegt am östlichen Rand von Deutschland, sie wird nur durch die Oder vom Nachbarland Polen getrennt – und sie ist nur etwa eine Stunde mit dem Zug von Berlin entfernt. Viele Studenten der Europa-Universität Viadrina pendeln zum Wohnen und Leben in die Hauptstadt.

Am morgendlichen Berliner Hauptbahnhof finde ich zwischen einem Haufen Rentner in Multifunktionsjacken auch eine Handvoll Leute, die ich für Viadrina-Pendler halte. Einen mit Undercut, Jeansjacke über dem Wollpulli und Jutebeutel auf dem Rücken spreche ich an, als der Zug einfährt: Robert, 21, studiert im zweiten Semester Internationale BWL an der Viadrina und sitzt mir in einem Vierer gegenüber. Robert kommt aus Berlin. In Frankfurt hatte er sich wegen des guten Rufs seines Studiengangs beworben. "Nach der Zusage habe ich mir die Stadt angeschaut und sofort gesagt, hier ziehe ich auf keinen Fall her." Was an Frankfurt denn so schrecklich sei, frage ich ihn. "Da ist ja nichts!", sagt Robert. "Und Berlin, na ja, ist eben Berlin."

In Frankfurt war Robert bisher in einer Kneipe und zwei Clubs, ganz am Anfang war er auch mal in Polen. Von den Studenten, die in der Stadt wohnen, kennt er kaum welche. "Wir Pendler sind meistens unter uns."

Draußen hinter den Fenstern des Zugs geht die Großstadt in tiefes Brandenburg über. Es beginnt zu regnen. "Mann, hast du ein Pech", sagt Robert. "Bei dem Wetter wird dir die Stadt erst recht nicht gefallen." Beim Aussteigen bemerke ich den Bären auf seinem Jutebeutel – das Berliner Wahrzeichen. "Damit gehst du also in die Uni?", frage ich ihn. "Klar", sagt Robert und grinst, "man muss ja Flagge zeigen."

Frankfurt ist grau, so grau wie jede andere Stadt, wenn es in Strömen regnet und die Ausdruckslosigkeit des Himmels auf alle Häuserfassaden und Grünflächen abfärbt. Auf dem Fußmarsch zur Uni komme ich an ein paar Plattenbauten vorbei, an kleinen Parkanlagen und verwunschenen Ruinen, deren Ziegel sich langsam mit der Natur verbünden. Links und rechts einer gepflasterten Straße stehen Häuser, die zigmal so alt sind wie die Bundesrepublik in diesem Teil Deutschlands. Einige sind heruntergekommen, aber charmant mit ihren Balkonen, Säulen und ihrer Schnörkelarchitektur. In Hamburg und Berlin würde man wohl mit Sitzblockaden für ihren Erhalt kämpfen, denke ich.

Bier für eins fünfzig

In der Viadrina-Uni angekommen, bestaune ich das moderne, lichte Mensagebäude mit dem vielen hellen Holz. Von hier aus können die Studenten mit ihren Tabletts über eine Brücke auf die kleine Insel Ziegenwerder gehen und im Grünen essen. Dann treffe ich mich mit Rabea. Sie ist 25, studiert an der Viadrina Internationale BWL im Master und hatte mir eine Herberge angeboten, als ich vor meiner Abreise nach Unterkünften in Frankfurt suchte. Mein Schlafplatz für diese Nacht: ein rotes Sofa in der Forststraße.

2005 hat eine Gruppe Studenten hier einen Plattenbau vor dem Abriss gerettet und daraus ein Wohnprojekt gemacht. Verteilt auf sieben Wohngemeinschaften, leben heute 35 Studenten dort – sie kommen hauptsächlich aus Deutschland und Osteuropa, aber auch aus anderen Teilen der Welt. Rabea ist seit letztem Herbst dabei. "Ich war davor in New York und Berlin und dachte erst, hier kann ich nicht glücklich werden. Aber tatsächlich fehlt mir gar nichts", sagt sie. Es habe noch keinen Tag gegeben, an dem sie sich gelangweilt habe.