Die Telefone sind stumm. Die Mitarbeiter sitzen gelassen an ihren Schreibtischen. Und der Chef steht am offenen Fenster und raucht die erste Zigarette am Morgen. Nichts deutet darauf hin, dass dieses unscheinbare Backsteinhaus in Düsseldorf ein Krisenzentrum ist. Dass hier Skandale entschärft und Karrieren gerettet werden. Dass um Christian Scherg, den Mann, der gerade in Ruhe seine Zigarette raucht, normalerweise Shitstorms toben. Dabei ist das sein Job: Die Wogen zu glätten, wenn ein Unternehmen in Deutschland Mist gebaut hat. Scherg, 39 Jahre alt, Bart, braunes Haar, brauner Dreiteiler, berät Unternehmen wie Arla, Bayer und Siemens bei der Krisenkommunikation. Auch Fußballprofis und andere Prominente zählen zu seinen Kunden. "Egal, ob ein Politiker den Stinkefinger zeigt, der Manager mit dem Helikopter nach Hause fliegt oder ein Unternehmen einen Shitstorm erfährt – alles, was der Reputation schaden kann, ist Anlass für eine Krise", sagt Scherg.

Auf die Idee für seine Beratungsfirma kam er vor sieben Jahren, als er noch Jeans und T-Shirt trug und für die Fernsehproduktionsfirma Endemol arbeitete. Er hatte einst Philosophie, Germanistik und Filmwissenschaften studiert, jetzt dachte er sich Sendungen aus. Damals merkte er: "Die Moderatoren sind das Gesicht der Sendung, wenn sie in Verruf geraten, muss die Sendung abgesetzt werden."

Zum Beispiel Margarethe Schreinemakers. In den 1990er Jahren guckten der Moderatorin zehn Millionen Zuschauer zu, wenn sie in der Sendung Schreinemakers live mit Prominenten wie Roger Moore oder Meryl Streep plauderte. Als Robbie Williams bei Take That ausstieg und seine Solokarriere startete, war er bei Schreinemakers. Doch dann wurde die Sendung abgesetzt, als sie in einer Folge über eine sie selbst betreffende Steueraffäre berichten wollte. Seitdem ist Margarethe Schreinemakers weg vom Fenster. Mehrere Comebacks hat sie versucht, zum Beispiel mit Big Diet, einer Sendung, die so schlecht lief, dass sie nach nur einer Folge als Moderatorin entlassen wurde. Mit dem Verdacht der Steuerhinterziehung endete ihre Karriere.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist

Muss das so sein? Nein, dachte Christian Scherg und gründete eine Firma, mit der er Promis in Not vor dem Karriere-Aus bewahren wollte. Er nannte seine Firma "Revolvermänner", weil das provokant sei, so wie die Kommunikation im Internet, in der Imageskandale hochkochen. "Die Dialogform im Netz ist schärfer als im realen Leben", sagt er. Sein Büro ist dekoriert mit Cowboy-Requisiten. Hinter ihm auf der Anrichte liegt ein Revolver, vor ihm steht ein weißer Lampenschirm mit Revolverfuß, um ihn herum hängen Filmplakate und Fotografien mit Westernhelden, einige signiert. Zum Beispiel das Bild, das Ronald Reagan als Schauspieler im Film Law and Order zeigt. Scherg gefällt der Mythos des treffsicheren Sheriffs. "Man muss sich verteidigen können", sagt er.

Heute hilft er nicht nur Promis, sondern auch Firmen bei Rückrufaktionen oder Lebensmittelskandalen. Manche Agenturen in der Krisen-PR schreiben gegen Geld auch Einträge in Bewertungsportalen und verpassen einem Hotel, Restaurant oder Arzt ein paar Sterne mehr. Scherg glaubt, dass sie den Ruf der gesamten Branche versauen. Wenn Kritiker sagen, er beschönige Tatsachen, dann ärgert ihn das. Scherg legt die Stirn in Falten, wenn man ihn mit solchen Vorwürfen konfrontiert, seine sonore Stimme verliert die Ruhe. "Schwarze Schafe permanent reinwaschen, das geht gar nicht", sagt er.

Während die klassischen Public Relations (PR) die Vorzüge eines Unternehmens preisen, geht es in der Krisen-PR darum, Ängste ab- und Vertrauen aufzubauen oder betroffene Kunden zu warnen, ohne dass sie in Panik geraten. Ein Krisenberater muss Unternehmen und Menschen schnell aus dem Ausnahmezustand manövrieren können. Wie viele PR-Agenturen sich auf diese Arbeit spezialisiert haben, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Im Gegensatz zu den USA ist das sogenannte Issue Management in Deutschland noch nicht sehr verbreitet. Das Institut für Krisenforschung in Kiel zählt hierzulande pro Jahr relativ konstant 250 bis 300 Krisenfälle. Nach Angaben von Scherg und anderen Beratern wächst die Branche, weil immer mehr Firmen merken würden, dass sie eine Krisenstrategie brauchen.

Christian Scherg und seine Kollegen sind diejenigen, die bei Skandalen versuchen, wieder Ruhe reinzubringen. Sie überlegen sich eine Kommunikationsstrategie und vermitteln Kontakte zu Experten, die helfen können. Die Brauerei Warsteiner sei dafür ein Beispiel, sagt Scherg. Als bekannt wurde, dass Keime, die eine lebensbedrohliche Erkrankung auslösen, im Bier sein könnten, reagierte das Unternehmen "blitzschnell, berichtete offensiv über den Verlauf der Erkrankungswelle und behielt so die Deutungshoheit". Der ADAC hingegen ist ein Beispiel dafür, wie sich eine fehlende Krisenstrategie rächt. "Sie gaben immer nur so viel zu, wie ihnen gerade nachgewiesen werden konnte", sagt Scherg. "Die Mitglieder haben das Verhalten abgestraft, und der ADAC steckt in einer tiefen Vertrauenskrise."

Dann klingelt das Telefon. Schergs Sekretärin ist dran und will Bettina Wulff, die Exfrau des früheren Bundespräsidenten, durchstellen. Scherg stellt auf laut.

Scherg: "Hallo Frau Wulff, ich grüße Sie!"

Wulff: "Herr Scherg, ich Sie auch! Na?"

Scherg: "Wollen wir das Konzept einmal durchgehen? Und wenn Sie Fragen haben – immer her damit."

Bettina Wulff kämpft seit Jahren mit Verunglimpfungen im Netz. Sie verklagte sogar Google, nachdem sich das Gerücht über ihre angebliche Vergangenheit im Rotlichtmilieu verbreitet hatte. Irgendwann reichten die fünf Anfangsbuchstaben ihres Namens, um von Google den Suchvorschlag "Bettina Wulff Prostituierte" zu erhalten.