Sie ist zu spät zur Kostümprobe gekommen. Katharine Hepburn, 21, groß, schlank, burschikos, hat gerade das College beendet, ist von Philadelphia runter nach Baltimore gefahren, will unbedingt in dieser Theatergruppe spielen. Doch jetzt bekommt sie im Fundus das hässlichste Kleid von allen, das halt übrig geblieben ist: unten viel zu kurz, oben nicht besonders vorteilhaft. Dann steht dieses Mädchen vor ihr und sagt: "Ich möchte, dass du mein Kostüm nimmst. Ich werde nicht Schauspielerin, aber ich glaube, du wirst eine werden, ich glaube sogar, dass du ein großer Star sein wirst." Hepburn ist sprachlos. Sie stammelt bloß "Oh ja, ja ... danke!". Das Mädchen hat das schönste Kleid von allen und es passt wie angegossen. Sechs Jahre später wird Katharine Hepburn tatsächlich ein Star: Sie bekommt den Oscar als die beste Hauptdarstellerin. Das ist im Jahr 1934. Es wird nicht ihr letzter Oscar bleiben.

Dass Hepburn die Worte fehlten, kam selten vor. Die Tochter eines Arztes und einer Frauenrechtlerin lernte früh, ihre Meinung zu sagen. Schon als Kind wusste sie sich gegen ihre drei Brüder durchzusetzen – in dem sie wie ein Junge auftrat: Ihre Haare trug sie kurz, Freunde riefen sie "Jimmy", nicht Katharine.

Als Hepburn 13 Jahre alt ist, fahren sie und ihr Bruder Tom aus der Heimatstadt Hartford ins etwa drei Stunden entfernte New York. Dort besuchen sie ihr "Tantchen", eine Freundin der Mutter. Abends, vorm Zubettgehen, sagt Tom zu seiner Schwester: "Du bist mir das liebste Mädchen auf der ganzen Welt." Ein Abschied: Am nächsten Morgen findet Hepburn ihren Bruder tot auf dem Dachboden, er hat sich erhängt.

"Dieser Vorfall trennte mich von der Welt, wie ich sie bisher gekannt hatte", schreibt sie später in ihrer Autobiografie. In der Familie spricht niemand über den Selbstmord. Hepburn lernt, ihre Trauer zu überspielen. Sie träumt. Filme helfen ihr, in andere Welten abzutauchen. Um das Geld für Kinokarten und Filmzeitschriften zusammenzubekommen, mäht Hepburn Rasen und recht Laub, im Winter schippt sie den Schnee von den Gehsteigen in Hartford. Zur Schule geht sie nicht mehr, seit dem Tod des Bruders tuscheln auf dem Schulhof alle. Zu Hause bekommt sie Privatunterricht.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Eltern wollen, dass ihre Tochter studiert. Hepburn geht nach Philadelphia, ans Bryn Mawr College, das ausschließlich Frauen aufnimmt. Anfangs hat sie es dort schwer: Sie ist gewohnt, allein unterrichtet zu werden. Unter ihren Kommilitoninnen fühlt sie sich unwohl. Sehr früh geht sie ins Bett, damit sie morgens um vier Uhr wieder aufstehen kann. In der Dusche im Wohnheim ist sie dann die Einzige. Einmal frühstückt sie mit den anderen in der Mensa, "verklemmte Schönheit!", zischt eine. Von da an meidet Hepburn die Gesellschaft, ihr Müsli mit Obst isst sie allein auf dem Zimmer.

Erst das Schauspielen hilft ihr aus ihrer Isolation: Hepburn macht bei der Theatergruppe am College mit, oft spielt sie die Männerrollen. Nach dem Abschluss bekommt sie einige Engagements, erst in Baltimore, dann in New York.

Am Broadway ist Hepburn die Zweitbesetzung für die weibliche Hauptrolle, wobei sie sich sicher ist, dass sie die bessere Wahl wäre. Als die Erstbesetzung eines Tages entlassen wird, darf Hepburn auf die Bühne. Bei der Premiere spielt sie anfangs gut, die Leute sind begeistert, doch je länger die Vorstellung dauert, desto höher wird Hepburns Stimme, sie spricht schneller und schneller, merkt es aber nicht. "Ich war der Star", schreibt sie über die Momente auf der Bühne. Doch am nächsten Morgen wird sie gefeuert.