ZEIT Campus: Frau Deppisch, Sie entscheiden bei der Studienstiftung mit darüber, wer aufgenommen wird. Können Ihnen Bewerber noch was vormachen?

Sonja Deppisch: Ich glaube, das konnten sie noch nie. Wenn Kandidaten im Lebenslauf geschummelt haben, kann ich das im Einzelgespräch mit zwei, drei Fragen entlarven. Meistens sind die Antworten dann recht unpräzise.

ZEIT Campus: Wobei tragen Bewerber zu dick auf?

Deppisch: Einige geben ein ehrenamtliches Engagement an, das sie seit Jahren nicht mehr ausüben. Wenn das rauskommt, ist es unangenehm, aber es ist nicht unbedingt der Weltuntergang. Es gibt nachvollziehbare Gründe dafür, dass wenig Zeit für das Engagement bleibt. Beispielsweise weil man sein Studium selbst finanzieren und deshalb nebenher viel arbeiten muss.

ZEIT Campus: Kann man sich auf die Fragen im Auswahlgespräch vorbereiten?

Deppisch: Auf einige schon. Man sollte wissen, warum man ein bestimmtes Fach studiert und was man sich davon verspricht. Außerdem gibt es einige Kollegen, die Fragen zum aktuellen Zeitgeschehen und zur Politik stellen.

ZEIT Campus: Worauf kann man sich nicht vorbereiten?

Deppisch: Manchmal stelle ich überraschende Fragen. Zum Beispiel: "Stellen Sie sich vor, Sie leiten eine Jugendherberge, die schlecht läuft. Was machen Sie, um mehr Gäste anzulocken?"

ZEIT Campus: Warum fragen Sie so etwas?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Deppisch: Auf diese Weise prüfe ich die Fähigkeit, vernetzt zu denken. Also: Wie lässt sich jemand auf eine neue Situation ein und geht Probleme an? Das ist eine der fünf Eignungsdimensionen, an denen wir im Gespräch überprüfen, ob ein Kandidat als Stipendiat für die Studienstiftung infrage kommt. Die vier anderen sind soziale Kompetenz, außerfachliches Interesse und Engagement, Leistungsbereitschaft und Motivation sowie Kommunikations- und Artikulationsfähigkeiten.

ZEIT Campus: Wie funktioniert die Bewertung genau?

Deppisch: Für jede Dimension geben wir eine Einschätzung auf einer Skala von eins bis zehn und fassen sie in einer Punktzahl für das Gespräch zusammen. Die Gesamtpunktzahl eines jeden Kandidaten setzt sich aus zwei Einzelgesprächen und einer Gruppendiskussion zusammen. Für die Aufnahme braucht man zwei Positivvoten und mindestens 23 Punkte.

ZEIT Campus: Kommt es mal vor, dass Sie aufgrund von Sympathie ein Pünktchen mehr vergeben?

Deppisch: Das darf nicht passieren. Deshalb wurden vor vier Jahren Schulungen und schriftliche Hinweise für die Auswahlgespräche eingeführt, durch die wir Kommissionsmitglieder auf bestimmte Fehler bei der Bewertung hingewiesen werden sollen.

ZEIT Campus: Was sind das für Fehler?

Deppisch: Ich darf einen Kandidaten beispielsweise nicht besser bewerten, weil wir Dasselbe studiert haben. Und ich muss aufpassen, mich nicht von Stereotypen beeinflussen zu lassen: Von der stereotypisierten Frau erwartet man, dass sie sich zurücknimmt. Wenn eine Kandidatin in der Gruppendiskussion sehr aggressiv ihre Meinung vertritt, wird das von ungeschulten Menschen negativer ausgelegt als dasselbe Verhalten bei einem Mann. Das wollen wir vermeiden, deshalb muss die Jury sich ständig selbst reflektieren.