"Es fühlt sich absolut nicht kriminell an"

Ein Jurastudent schreibt Klausuren für seine Kommilitonen – und nimmt 300 Euro für eine bestandene Prüfung. Hier erzählt er seine Geschichte

Im Prüfungssaal setze ich mich auf den Platz neben meinem Auftraggeber, damit wir den Klausurbogen tauschen können und ich die Antworten für ihn schreiben kann. Ich bin ganz ruhig – was soll mir schon passieren? Dann entdecke ich einen Bekannten unter den Aufpassern, einen älteren Studenten, den ich aus mehreren Vorlesungen und von Treffen mit Kommilitonen kenne. Wie soll ich dem erklären, dass ich in einer Klausur des Grundstudiums sitze? Ich vergrabe meinen Kopf in den Händen, starre aufs Blatt und denke über Ausflüchte nach, falls er mich anspricht.

Ich studiere Jura an der Universität Hamburg – und schreibe Klausuren für meine Kommilitonen. Große Hemmungen habe ich dabei nicht. Ich riskiere nicht viel. Jede Uni kontrolliert ihre Prüfungen anders, aber die Vorsichtsmaßnahmen lassen sich umgehen. Oft herrscht bei der Abgabe der Klausuren im Prüfungssaal so ein Tumult, dass nicht auffällt, wenn man die Arbeit eines anderen einreicht. Noch leichter ist es, wenn man Freunde hat, die mitspielen. Oder wegschauen.

Mein Bekannter kommt durch die Stuhlreihen auf mich zu, immer näher. Seine Aufgabe ist es, Betrüger zu erwischen – Leute wie mich. Noch drei Reihen, noch zwei Reihen, noch eine Reihe, dann geht er einfach an mir vorbei. Wenn ich heute, einige Jahre später, darüber nachdenke, bin ich mir sicher: Er hat mich erkannt und trotzdem nichts gesagt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Damals habe ich noch nicht einmal Geld für die Klausur bekommen: Ich wollte einfach einen Kumpel durch seine Prüfungsphase boxen. Ein paarmal haben wir das so gemacht. Dann rief ein Fremder auf meinem Handy an. Ob ich ihm helfen könne? Er würde mich gut dafür bezahlen. Ich sagte zu, ohne zu zögern. Von da an lief alles wie von selbst. Von Zeit zu Zeit meldet sich ein neuer Interessent bei mir. Klausuren zu schreiben wurde zu einem Nebenjob für mich. 300 Euro pro Prüfung zahlen sie mir, 150 Euro vor Antritt und noch einmal 150, wenn ich die Klausur für sie bestanden habe.

Foto der Klausurfragen

Seit ich beinahe erwischt worden wäre, bin ich vorsichtiger geworden und schreibe die Klausuren nicht mehr zusammen mit den anderen, sondern in einer Bibliothek gegenüber vom Hörsaal. Dort gibt es Ruheräume, die für Studenten reserviert sind, denen die Lesesäle zu laut sind. In einem sitze ich und warte, dass mir der Kunde ein Foto der Klausurfragen auf mein Handy schickt. Dass hier einer auf mich aufmerksam wird, ist unwahrscheinlich. Und falls doch: Ich bin gut darin, andere zu beschwatzen. Letztes Jahr im Sommer meldete sich sogar einer aus einer anderen Stadt. Fünf Klausuren sollte ich für ihn bestehen, in Strafrecht, Zivilrecht und öffentlichem Recht. Es war ein 22-Jähriger, der mich in einem fetten Geländewagen vom Bahnhof abholte. Beim Einlass an seiner Uni zeigte ich den Prüfungsaufsehern einfach den Personalausweis meines Kunden. Der Unterschied fiel niemandem auf. Braune Augen, braune Haut – ich glaube, für die sehen wir dunklen Typen alle gleich aus.

"Für eine Hausarbeit verlange ich 1.000 Euro"

Mit dem Bezahlen ließ sich der Junge Zeit. Erst nach mehreren Monaten überwies er mir den Rest der vereinbarten Summe. Der Typ war mir unsympathisch: faul und auch noch unzuverlässig.

Ich habe längst damit aufgehört, für meine Kumpels Klausuren zu schreiben. Erstens, weil ich es dämlich finde, im Jurastudium zu schummeln. Im Staatsexamen muss man ja doch alles wissen. Und zweitens, weil ich von meinen Freunden kein Geld nehmen kann. Trotzdem halte ich meine Arbeit vor ihnen nicht geheim: Alle in meinem Bekanntenkreis wissen, womit ich mir etwas dazuverdiene. Keiner von ihnen würde petzen – sie finden es genauso wenig verwerflich wie ich. Mit dem, was ich tue, füge ich schließlich niemandem Schaden zu. Was ich mache, fühlt sich absolut nicht kriminell an.

Hausarbeit kostet 1.000 Euro

Mein eigenes Studium hat nicht unter meinem Nebenjob gelitten. Im Gegenteil: Ich habe die Prüfungen der anderen als Vorbereitung für mein erstes Staatsexamen genutzt. Die Anfängerklausuren zu schreiben war für mich wie bezahltes Lernen. Nur die Hausarbeiten, die ich irgendwann für andere zu schreiben begonnen habe, hielten mich von meinem Studium ab. Für eine Hausarbeit verlange ich deshalb mehr, 1.000 Euro.

Bis heute habe ich etwa 4.000 Euro mit dem Schreiben von Klausuren und Hausarbeiten verdient. Eine Erfolgsgarantie gebe ich nie. Aber ich weiß, dass ich gut bin. Fast alle Klausuren habe ich für meine Kunden im zweistelligen Bereich bestanden. Nur bei einer ist es schiefgegangen: In der letzten Klausur für den verwöhnten Jungen mit dem Geländewagen bin ich durchgefallen. Es war vorher nicht so abgemacht, aber ich hab ihm sogar die 150 Euro Anzahlung zurückgegeben.

Meine letzte Klausur für jemand anderen habe ich im vergangenen Jahr geschrieben. Es gibt alte Kunden, die noch heute bei mir anrufen und mir neue Aufträge geben wollen. Einer hat mich sogar gefragt, ob ich nicht seinen Magister für ihn mache, also mehrere Klausuren für ihn schreibe und die Abschlussarbeit. Es war ein gutes Angebot, aber ich habe abgelehnt. Mir fehlt inzwischen die Zeit für den Job. Ich schreibe jetzt meine Doktorarbeit.