"An der Uni wurde es mir geistig zu eng"

Reisen, Denken und Schreiben: Das sind die Dinge, die Navid Kermani, 47, beruflich macht. Er ist habilitierter Orientalist, hielt es in der Wissenschaft aber nicht lange aus. Jetzt ist er freischaffender Autor von Fachbüchern über den Islam ("Gott ist schön"), Essays über Rockmusik ("Das Buch der von Neil Young Getöteten") und Romanen ("Große Liebe"). Wenn er nicht schreibt, mischt sich der Sohn iranischer Einwanderer oft in die Politik ein. Im Mai sorgte er für Schlagzeilen, weil er die Einschränkung des deutschen Asylrechts scharf kritisierte. Und zwar: mitten im Bundestag. Danach reiste er in den Irak. "Wenn Ihr die schwarzen Flaggen seht", eine Sammlung seiner Reportagen aus dem Irak, ist gerade als E-Book erschienen. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ist Navid Kermani für einige Tage in seiner Wohnung in Köln – und öffnet die Tür gut gelaunt und barfuß.

ZEIT Campus: Herr Kermani, Sie kommen gerade aus dem Irak zurück. Kurz nach dem Einmarsch der Terrormiliz "Islamischer Staat" sind Sie dorthin gereist. Wieso?

Navid Kermani: Um Bericht zu erstatten. Das ist eitel, wenn ich das selbst sage, aber ich weiß, dass ich gute Reportagen schreiben kann. Und dass ich diese Gabe sinnvoll einsetzen muss. Als ich merkte, dass die Geschehnisse im Irak wichtiger sind, auch für mich persönlich, legte ich den Roman beiseite, den ich gerade angefangen hatte zu schreiben.

ZEIT Campus: Wenn Ihnen etwas wichtig ist, sind Sie bereit, dafür in ein Kriegsgebiet zu fahren?

Kermani: Ich bin kein Kriegsreporter. Mich interessierte im Irak genauso wie vorher in anderen Kriegsgebieten eher die Normalität innerhalb des Ausnahmezustands, also gewissermaßen die Welt und die Menschen hinter den Schlagzeilen und den CNN-Berichten.

ZEIT Campus: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Kermani: Nehmen wir diese Fußballmannschaft beim Training: Auf den wenig befahrenen Straßen ist es im Irak nicht sicher, also joggten sie in ihrer Profi-Funktionskleidung auf der Autobahn, während neben ihnen der Verkehr vorbeischoss. An so einer Stelle tut sich eine Welt für mich auf, weil allein schon dieses Bild viel über die Situation des Landes erzählt.

ZEIT Campus: Sie haben sich bereits als Student für die arabischen Länder interessiert und Orientalistik studiert – war das damals eigentlich ein ungewöhnliches Fach?

Kermani: Mit meiner Fächerwahl bin ich aus den vorgegebenen Bahnen gesprungen, ganz klar. Ich komme aus einer Medizinerfamilie: Mein Vater ist Arzt, meine drei älteren Brüder sind Ärzte, meine Schwägerin, meine Onkel, meine Cousins und Cousinen – mit meiner Verwandtschaft könnten wir ein Krankenhaus mit so ziemlich allen Fachrichtungen betreiben. Als ich mit dem Arabischunterricht anfing, sagten alle: "Was willst du denn damit?" Das galt als Fach für Schöngeister, für Leute, die keinen Moment an ihre Karriere denken. Heute haben alle, die mit mir studiert haben, einen guten Job gefunden. Und die, die keinen guten Job gefunden haben, sind zumindest beim BND untergekommen.

ZEIT Campus: Sie haben zuerst eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen.

Kermani: Es hat sich alles einfach ergeben – mein Studium lief gut, dann kam die Doktorarbeit, die gleich in einem guten Verlag veröffentlicht wurde, dann wurde ich ans Berliner Wissenschaftskolleg berufen. Aber ich war eben auch ein bunter Hund und ließ mich nicht in ein Fächerkorsett stecken. Im amerikanischen Uni-System, in dem mir meine Interessen, die Arbeit am Theater, die Reportagen und das literarische Schreiben, nicht als Nachteil ausgelegt worden wären, wäre ich wohl ganz normal Professor geworden. Aber in Deutschland wurde es mir an der Uni geistig zu eng.

ZEIT Campus: Gab es einen Moment, in dem Sie wussten, dass Sie die Notbremse ziehen müssen?

Kermani: Das war nach dem 11. September 2001. Ich war Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg und leitete den Arbeitskreis "Moderne und Islam", der schon Jahre zuvor gegründet worden war, also nicht als Reaktion auf die Terrorattacken. Aber plötzlich gerieten wir in eine Politikberatungsfunktion. Für jedes Mittagessen hatte ich einen Termin mit irgendwem, der sich von mir den Hintergrund der Anschläge erklären lassen wollte. In meiner Forschung hatte ich mit Texten des 7. bis 12. Jahrhunderts zu tun. Dadurch wird man nicht zum Experten für Al-Kaida. Das ist, wie wenn Sie einen Germanisten, der sich für Walther von der Vogelweide interessiert, zum NSU befragen.

"Ich empfand meine Rede nicht als skandalös"

ZEIT Campus: Aber Sie sind doch damals schon gereist und haben für Zeitungen geschrieben.

Kermani: Das stimmt. Ich habe mich auch immer für die Gegenwart interessiert. Aber ich tue mich schwer damit, eindeutige Antworten zu geben, weil ich die Wirklichkeit als sehr komplex und von vielen Widersprüchen durchzogen wahrnehme. So denke ich, und so schreibe ich. Ich lasse den Leser lieber an meiner Verwirrung teilhaben, anstatt die Komplexität auf einzelne Thesen zu reduzieren, die immer verfälschend sein müssen.

ZEIT Campus: Im August haben Sie einen Zeitungsartikel geschrieben mit der Überschrift: "Stoppt den Islamischen Staat!" Das klingt nicht sehr verwirrt oder widersprüchlich.

Kermani: Als ich das schrieb, herrschte in Deutschland eine große Unsicherheit darüber, wie man auf den IS reagieren soll. Eine politische Entscheidung stand noch nicht fest, niemand äußerte sich so richtig. Die Überschrift ist von mir gewählt, und ich habe mir auch genau überlegt, wo ich den Text für die breiteste Wirkung platzieren kann. Für den Freitag war die Bundestagsdebatte angesetzt, am Mittwoch erschien mein Artikel gleichzeitig in vier Tageszeitungen.

ZEIT Campus: Warum mischen Sie sich ein, wenn der Bundestag über Außenpolitik berät?

Kermani: Ich finde nicht, dass man sich immer zu allem äußern sollte. Aber ich glaube, dass Literaten, Intellektuelle und Wissenschaftler eine Verantwortung haben, sich in öffentliche Debatten einzumischen, wenn sie aufgrund ihrer Lektüren, ihrer Reisen und auch ihrer Beobachtungsgabe eine Kompetenz haben, die für andere wertvoll sein kann. Sie können Menschen, Ländern und auch widersprüchlich scheinenden Situationen einen Ausdruck geben, der in der Sprache der Politiker und Medien so nicht möglich ist.

ZEIT Campus: Gibt es eine Pflicht, sich einzumischen?

Kermani: Nicht in dem Sinne, dass man Wahlempfehlungen für Parteien oder Politiker aussprechen soll – das kann im Einzelfall mal sein, wäre aber selbst dann nur ein absoluter Nebenaspekt. Leute, die Bücher lesen und die sich nicht nur mit dem beschäftigen, was gerade aktuell ist, sondern gleichzeitig eine tausendjährige Literaturgeschichte im Kopf haben, die können dort, wo sie sich auskennen, Rat geben. Oder zumindest verhindern, dass man es sich mit den Antworten zu leicht macht. Ich bin mir auch sicher, dass ein Schriftsteller auf Reisen ein Land anders sieht, als es ein Journalist tut. Nur ist es so, dass insgesamt immer weniger aus anderen Ländern berichtet wird. Der Platz und auch das Budget für hintergründige, aufwendige Auslandsreportagen werden beschnitten.

ZEIT Campus: Im Mai waren Sie im Bundestag, um eine Rede zum 65. Jahrestag der Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes zu halten. Wie kam es dazu?

Kermani: Ganz einfach: Man bekommt einen Anruf, und dann rutscht einem das Herz in die Hose.

ZEIT Campus: So schlimm?

Kermani: Ganz klar. Denjenigen, der bei so einer Einladung keinen Bammel hat, möchte ich sehen.

"Das war Schweinejournalismus"

ZEIT Campus: Sie lobten in Ihrer Rede das Grundgesetz, nannten aber die Einschränkung des Asylrechts, die der Bundestag in den neunziger Jahren beschlossen hat, einen "hässlichen Schandfleck". Danach hieß es, Sie hätten einen Eklat verursacht.

Kermani: Das ist Quatsch. Die Bild-Zeitung hat diesen Eklat herbeigeschrieben, genauso, wie sie ein Zerwürfnis zwischen Joachim Gauck, dem Bundespräsidenten, und Norbert Lammert, dem Bundestagspräsidenten, erfunden hatte – nur um die Schlagzeile des Tages zu haben. Das ist wirklich Schweinejournalismus, aber das kennt man von der Bild ja auch so. Ich habe auch gelesen, Frau Merkel hätte mir nach der Rede nicht die Hand geschüttelt. Dabei konnte man in der Fernsehübertragung der Rede sehen, dass das nicht stimmt.

ZEIT Campus: Trotzdem: Haben Sie geahnt, dass einige CDU-Abgeordnete während Ihrer Rede empört den Plenarsaal verlassen würden?

Kermani: Nein. Ich habe das auch gar nicht mitbekommen. Ich empfand meine Rede nicht als skandalös. Es war eine Liebeserklärung ans Grundgesetz und auch an die Bundesrepublik. Meine Provokation für das linke politische Spektrum war vielleicht sogar größer.

ZEIT Campus: Warum das denn?

Kermani: Die Linken tun sich traditionell sehr schwer damit, im Zusammenhang mit Deutschland ein Wort wie Liebe in den Mund zu nehmen. Dabei bedeutet Liebe ja nicht Kritiklosigkeit, sondern kann und sollte gerade der Antrieb sein, kritisch zu denken – Liebe bedeutet auch Sorge und bringt Verantwortung mit sich. Nicht jedem wird jedes Wort meiner Rede gefallen haben, aber ich wurde von allen Verantwortlichen und von Repräsentanten aller Parteien sehr gut behandelt. Es gab auch aus der CDU sehr bewegende Reaktionen.

ZEIT Campus: Glauben Sie denn, dass Sie mit Ihrem Schreiben und Reden in der Welt etwas zum Besseren verändern können?

Kermani: Ich weiß es nicht. Es gibt Leute, die mir sagen: "Wenn du zu Günther Jauch gingest, würden dich Millionen sehen!" Mag sein. Es muss Leute geben, die komplexe Themen in einfachen Sätzen einem großen Publikum nahebringen. Darin bin ich aber nicht sehr gut. Ich schreibe Reisereportagen, Bücher und Reden. Das sind eben die Formen, die mir liegen. So versuche ich meiner Verantwortung gerecht zu werden.