ZEIT Campus: Aber Sie sind doch damals schon gereist und haben für Zeitungen geschrieben.

Kermani: Das stimmt. Ich habe mich auch immer für die Gegenwart interessiert. Aber ich tue mich schwer damit, eindeutige Antworten zu geben, weil ich die Wirklichkeit als sehr komplex und von vielen Widersprüchen durchzogen wahrnehme. So denke ich, und so schreibe ich. Ich lasse den Leser lieber an meiner Verwirrung teilhaben, anstatt die Komplexität auf einzelne Thesen zu reduzieren, die immer verfälschend sein müssen.

ZEIT Campus: Im August haben Sie einen Zeitungsartikel geschrieben mit der Überschrift: "Stoppt den Islamischen Staat!" Das klingt nicht sehr verwirrt oder widersprüchlich.

Kermani: Als ich das schrieb, herrschte in Deutschland eine große Unsicherheit darüber, wie man auf den IS reagieren soll. Eine politische Entscheidung stand noch nicht fest, niemand äußerte sich so richtig. Die Überschrift ist von mir gewählt, und ich habe mir auch genau überlegt, wo ich den Text für die breiteste Wirkung platzieren kann. Für den Freitag war die Bundestagsdebatte angesetzt, am Mittwoch erschien mein Artikel gleichzeitig in vier Tageszeitungen.

ZEIT Campus: Warum mischen Sie sich ein, wenn der Bundestag über Außenpolitik berät?

Kermani: Ich finde nicht, dass man sich immer zu allem äußern sollte. Aber ich glaube, dass Literaten, Intellektuelle und Wissenschaftler eine Verantwortung haben, sich in öffentliche Debatten einzumischen, wenn sie aufgrund ihrer Lektüren, ihrer Reisen und auch ihrer Beobachtungsgabe eine Kompetenz haben, die für andere wertvoll sein kann. Sie können Menschen, Ländern und auch widersprüchlich scheinenden Situationen einen Ausdruck geben, der in der Sprache der Politiker und Medien so nicht möglich ist.

ZEIT Campus: Gibt es eine Pflicht, sich einzumischen?

Kermani: Nicht in dem Sinne, dass man Wahlempfehlungen für Parteien oder Politiker aussprechen soll – das kann im Einzelfall mal sein, wäre aber selbst dann nur ein absoluter Nebenaspekt. Leute, die Bücher lesen und die sich nicht nur mit dem beschäftigen, was gerade aktuell ist, sondern gleichzeitig eine tausendjährige Literaturgeschichte im Kopf haben, die können dort, wo sie sich auskennen, Rat geben. Oder zumindest verhindern, dass man es sich mit den Antworten zu leicht macht. Ich bin mir auch sicher, dass ein Schriftsteller auf Reisen ein Land anders sieht, als es ein Journalist tut. Nur ist es so, dass insgesamt immer weniger aus anderen Ländern berichtet wird. Der Platz und auch das Budget für hintergründige, aufwendige Auslandsreportagen werden beschnitten.

ZEIT Campus: Im Mai waren Sie im Bundestag, um eine Rede zum 65. Jahrestag der Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes zu halten. Wie kam es dazu?

Kermani: Ganz einfach: Man bekommt einen Anruf, und dann rutscht einem das Herz in die Hose.

ZEIT Campus: So schlimm?

Kermani: Ganz klar. Denjenigen, der bei so einer Einladung keinen Bammel hat, möchte ich sehen.