"Seit fünf Tagen war ich in diesem Gefängnis, hörte überall Schreie von Menschen, die gefoltert wurden. Ich glaubte damals nicht, dass ich lebendig wieder rauskomme."

Das sind zwei der ersten Sätze, die ich von Juan lese. Er schreibt sie mir, während er irgendwo in Syrien vor einem Computer sitzt. Ich lese sie in meinem Büro im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. Ich kann nicht vor Ort sein, meinem Patienten gegenübersitzen und ihm zuhören, wie das bei Therapien üblich ist. Deshalb nutzen meine Kollegen und ich die Schreibtherapie. Unser Projekt heißt Ilajnafsy, das ist das arabische Wort für Psychotherapie. Unsere Patienten kommen aus der arabischen Welt.

Viel weiß ich von Juan nicht: Er ist 26 Jahre alt, ledig und war drei Wochen lang in einem Foltergefängnis des Assad-Regimes. Seitdem hat er Symptome wie Schlafstörungen, Angstzustände und Flashbacks – typisch für eine posttraumatische Belastungsstörung. Ich habe von Juan nie ein Foto gesehen, nie seine Stimme gehört. Ich weiß auch nicht, ob er wirklich Juan heißt. Wir kommunizieren ausschließlich verschlüsselt und anonym, auch mein Name bleibt dabei geheim. Ich möchte Juan und mich durch die Therapie nicht gefährden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Wie eine Schreibtherapie abläuft, habe ich im Psychologiestudium gelernt. Praktisch auf diese Arbeit vorbereitet wurde ich aber erst im Behandlungszentrum für Folteropfer. Juan ist mein erster Patient. Zehn Briefe wird er mir in den kommenden Wochen schreiben, ich werde sie lesen und Anweisungen geben, was er als Nächstes aufschreiben soll. Die ersten Briefe sind die schwierigsten, denn wir befinden uns in der Konfrontationsphase der Therapie: Ich bitte Juan, so detailliert wie möglich aufzuschreiben, was er im Gefängnis erlebt hat, auch die schlimmen Momente. Er soll das Trauma noch einmal durchleben und lernen, damit umzugehen. "Ich höre, wie ein anderer Häftling auf dem Flur oder im Nebenraum von einem Offizier geschlagen wird", schreibt mir Juan, "jeden Tag, immer wieder. Er ist noch jung, vielleicht ein Teenager. ›Sag es endlich‹, schreit der Offizier ihn an, ›sag: Es lebe Baschar Assad!‹ Aber der Junge gibt nicht nach. Obwohl er weiter geschlagen wird, ruft er nur: ›Freiheit, Freiheit!‹ "

Als ich das lese, spüre ich die Trauer, die Wut und den Hass, den Juan fühlen muss. Seine Worte berühren mich. Doch ich muss meine Gefühle zurückhalten und versuchen, Juan mit meiner Antwort zu stärken. "Was Du erlebt hast, ist sehr schlimm", schreibe ich ihm. "Deswegen ist es wichtig, jetzt weiter an Deinem Trauma zu arbeiten. Das ist sehr mutig von Dir."