Saša Stanišić, 36, hat in diesem Jahr schon knapp hundert Lesungen hinter sich gebracht, genau weiß er das nicht mehr. Für seinen zweiten Roman "Vor dem Fest" hat er den Preis der Leipziger Buchmesse 2014 gewonnen. Sein Debüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert" war zuvor in 31 Sprachen übersetzt worden. Wir treffen uns morgens um halb elf in der Zeughaus-Mensa in Heidelberg. Hier hat Stanišić Slawistik und Deutsch als Fremdsprache studiert. Am Morgen hat er bereits mehrere Folgen der Serie "The Walking Dead" gesehen. So erhole er sich von neuen Leuten auf der Lesereise, von dem regionalen Essen und vom Bier, sagt er. Kaum läuft das Tonband, fängt Saša Stanišić an zu meckern.

Saša Stanišić: Es ist wie damals, lauter schlecht angezogene Studenten hier.

ZEIT Campus: Na ja, so schlimm ist es doch gar nicht.

Stanišić: Stimmt, es ist irgendwie besser geworden. Wie ich früher hier rumgelaufen bin ... aber ich hatte einfach wahnsinnig wenig Geld damals. Und ich mochte Grunge.

ZEIT Campus: Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Stanišić: Zuerst als Aushilfsgärtner, ich habe bei reichen Heidelbergern die Hecken geschnitten und die Villen gelüftet, wenn sie im Urlaub waren. Außerdem habe ich im Café Burkhardt gejobbt, da waren morgens Omas und abends Studenten, am Wochenende Odenwälder Dauerwellen.

ZEIT Campus: Blieb da genug Zeit zum Studieren?

Stanišić: Mir ist das Studium nie schwergefallen. Mit ein bisschen Arbeit kam ich durch. Drei, vier Stunden am Tag lernen haben gereicht.

ZEIT Campus: Sie sind mit 14 Jahren vor dem Jugoslawienkrieg aus Bosnien geflohen. Heidelberg war Ihre erste Station in Deutschland. Wie war die Ankunft?

Stanišić: Meine Mutter und ich hatten eine lange Reise hinter uns. Erst wurden wir in München am Flughafen eine Nacht lang festgehalten und wussten nicht, ob sie uns überhaupt reinlassen. Dann fuhren wir mit dem schnellsten Zug der Weltgeschichte nach Heidelberg. So habe ich das empfunden.

ZEIT Campus: Was ist Ihre erste Erinnerung an die Stadt?

Stanišić: Wir sitzen im Bus, es regnet, das Wasser perlt von den Scheiben. Wir fahren vom Berg runter in die Stadt. Dann hört der Regen auf, die Sonne kommt. Es wird ziemlich schnell heiß. Meine Mutter kauft mir ein Eis, wir laufen durch die Altstadt. Es ist wie im Märchen, Heidelberg war ein bisschen over the top.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Stanišić: Wenn du aus einem Land kommst, das gerade zerbombt wird, aus einer Stadt wie Višegrad, die, abgesehen von einer schönen alten Brücke, relativ gesichtslos ist – dann kommt dir Heidelberg extrem unwirklich vor. Wir schauten zum Schloss hinauf, und ich dachte: "Krass, du, mit deinem bescheuerten Eis in der Hand mit Blick auf diese seltsame Ruine, auf der Japaner herumkraxeln." Irgendwie war das super und eben surreal. Aber es hat mir auch ein Gefühl der Sicherheit gegeben, ein Zuhause nach der Flucht. Deshalb wollte ich auch hier studieren. Ich habe mich sehr wohlgefühlt, all die Jahre. Alle wollten nach Berlin, ich wollte höchstens in die Weststadt.

ZEIT Campus: Als Sie hier angekommen sind, sprachen Sie kein Wort Deutsch. Heute sind Sie einer der angesehensten jungen Schriftsteller des Landes. Wie kam das?

Stanišić: Meine ersten Gedichte habe ich hier in der Schule geschrieben. Mein Deutschlehrer hat sie korrigiert und mich beim Erlernen der Sprache unterstützt. Ich hatte sehr gute Erfahrungen gemacht mit den Menschen, die sich darum gekümmert haben, dass wir uns einigermaßen willkommen fühlen. Deshalb wollte ich eigentlich Deutschlehrer werden: Ich wollte anderen helfen, die aus Kriegsländern herkommen, und die Sprache ist dabei natürlich sehr wichtig.

ZEIT Campus: Warum sind Sie doch Autor geworden?

Stanišić: Das Schreiben lief immer so nebenher, in der Schule oder im Studium. Es hat mich nie losgelassen. Fast wäre ich tatsächlich Dozent für Deutsch als Fremdsprache geworden, aber dann habe ich vom Deutschen Literaturinstitut in Leipzig erfahren und habe mich dort beworben. Ich wollte vor allem meine Geschichten aus Bosnien und von der Flucht aufschreiben, wollte eine Sprache dafür finden, einen Ton.

"Ich arbeite langsam, aber genieße den Prozess"

ZEIT Campus: In Leipzig, was haben Sie da gelernt?

Stanišić: Viel. Vorher war ich zum Beispiel überzeugt, dass meine Texte gut sind. Wenn du dann ans Literaturinstitut kommst, merkst du schnell, dass das noch sehr ausbaufähig ist. In einem Semester liest man die Texte von allen anderen, einmal kommt dein eigener Text dran. Im Grunde wirst du kein besserer Schreiber, sondern ein besserer Leser.

ZEIT Campus: Haben Sie trotzdem etwas mitgenommen, was Ihnen heute beim Schreiben hilft?

Stanišić: Ja, viel Handwerkliches. Wann ein Motiv wieder auftauchen darf, damit es beim Leser noch präsent ist, zum Beispiel. Oder: Wann Wortspiele und Tonveränderungen Sinn machen, man muss es an die Charaktere binden, das ist eine banale Erkenntnis, aber über so was habe ich vorher nicht nachgedacht.

ZEIT Campus: Früher haben Sie nur in Ihrer Freizeit geschrieben, bedeutet Schreiben für Sie heute Arbeit?

Stanišić: Ja, absolut, gibt ja auch Kohle dafür. Aber auch: totales Vergnügen. Ich arbeite langsam, aber ich genieße den Prozess sehr.

ZEIT Campus: Wie sieht das aus, wenn Sie arbeiten?

Stanišić: Beim Schreiben bin ich gerne von Leuten umgeben. In Hamburg, wo ich mittlerweile lebe, gehe ich sehr oft in die Ärztliche Zentralbibliothek. Die lernen da wie wahnsinnig, ich find’s sehr beruhigend, zu sehen, dass angehende Ärzte so viel büffeln. Ich nehme mir immer ein paar Bücher aus den Regalen, um nicht aufzufallen. Neulich, da war nicht so viel los, kam eine ältere Frau auf mich zu. "Entschuldigung, darf ich Sie kurz stören?" – "Ja", sagte ich. "Also, nehmen wir mal an, man ist aufs Steißbein hinten draufgefallen, und es tut nun auch schon lange weh, und ich möchte gerne nachlesen, was das sein könnte. Wissen Sie, wo ich was dazu finde?" – "Entschuldigung", sagte ich, "da kann ich nicht helfen, ich bin Dermatologe." Ich weiß nicht, was mich da geritten hat.

ZEIT Campus: Aber Sie sitzen ja nicht nur in der Bibliothek. In Ihrem neuesten Buch "Vor dem Fest" schreiben Sie über die Bewohner eines kleinen Dorfes in Brandenburg.

Stanišić: Da habe ich insgesamt drei Monate lang recherchiert, mit Leuten gesprochen. Ich wollte ihre Macken kennen, ihre Geschichten hören, herausfinden, was die Menschen interessiert, aber auch, wie sie funktionieren in so einem abgelegenen Mikrokosmos. Was sind die Geschichten im Kleinen, die sich dort abspielen, die sich zu erzählen lohnen?

ZEIT Campus: Acht Jahre liegen zwischen Ihrem ersten Roman und "Vor dem Fest". Was haben Sie so lange gemacht?

Stanišić: Am Text gesessen habe ich letztlich etwa viereinhalb Jahre. Ich habe viel gelesen, bin viel gereist und habe sehr lange nach dem richtigen Ansatz für das Buch gesucht. Die Arbeit daran war so, dass ich morgens etwas für mich gemacht habe, Serien geschaut, Kaffee getrunken – so was entspannt Freiberufliches. Bis zum Abend habe ich dann geschrieben, dann war wieder Freizeit.

ZEIT Campus: Klingt strukturiert.

Stanišić: Ja, aber am Ende, wenn die Deadlines kommen, übernehmen Zweifel und Panik. Das alte Bild jedenfalls vom Genie, das am Schreibtisch sitzt und niemanden ranlässt, weil sowieso jeder Gedanke und jeder Satz sitzt – so ist das bei mir nicht. Ich lasse auch andere Autoren auf meine Texte schauen und bespreche alles mit ihnen. Am Ende zählt, dass der Text gut ist. Wie er dahingekommen ist, ist dann wurscht.