NEIN

In Deutschland bekommen die meisten Kellner ein anständiges Gehalt. Ich als Studentin bin oft knapp bei Kasse und überlege genau, wann ich einem Kellner ein Trinkgeld gebe.

Wenn ich in ein Restaurant oder eine Bar gehe, dann, um mich zu entspannen und um dort eine schöne Zeit zu haben. Gutes Essen oder einen Kaffee kann ich mir auch zu Hause machen – und zwar wesentlich günstiger. Wenn mir nach einer Stunde ein kaltes Essen vorgesetzt wird, gebe ich kein Trinkgeld. Ich erwarte, dass der Kellner die Verantwortung übernimmt, wenn etwas schiefgeht. Es ist zwar nicht immer seine Schuld, aber ich zahle im Restaurant für eine gute Zeit.

Ich habe selbst gekellnert und weiß, dass es darauf ankommt, jeden Gast zuverlässig und zuvorkommend zu bedienen. Auch wenn jeder mal einen schlechten Tag haben kann: Keinem Kellner bricht ein Zacken aus der Krone, wenn er höflich ist. Ein freundlicher Service ist für mich keine Zusatzleistung, für die ich dankbar sein und die ich extra belohnen muss. Andere Arbeitnehmer kriegen ja auch keinen Bonus, wenn sie jeden Tag ganz normal ihre Arbeit machen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Nur weil es in unserer Gesellschaft mittlerweile für viele Gäste üblich geworden ist, Trinkgeld zu geben, wird daraus noch keine moralische Verpflichtung für alle. In einigen Ländern, wie den Vereinigten Staaten, gelten andere Regeln, weil Kellner dort vom gesetzlichen Mindestlohn ausgenommen und auf das Trinkgeld als Einkommen angewiesen sind. Das motiviert zwangsweise: Meine Erfahrung ist, dass Kellner in Restaurants dort wesentlich freundlicher sind als deutsche Angestellte. Wäre der Service hier genauso herzlich, würde ich wohl auch freiwillig häufiger Trinkgeld geben – unabhängig davon, ob ich nun Studentin bin oder nicht.

Tina Suckel, 24, macht einen Master in Transkulturellen Studien an der Uni Bremen