Für jede Ausgabe reist ein ZEIT CAMPUS-Redakteur in eine Uni-Stadt. Wohin es geht, entscheidet der Zufall.

Immer wenn Lena Wellbrock im Fernsehen auftritt, schauen ihr fast zwei Millionen Menschen dabei zu – aber kein einziger von ihren Freunden. Nur ihre Mutter und ihre Großtante schalten ein. "Das finde ich schade", sagt die 24-Jährige, die an der Universität in Lüneburg Biologie und Deutsch auf Lehramt studiert. Aber ein bisschen verstehen kann sie es schon.

Lüneburg ist ein romantisches Städtchen in Norddeutschland, mit der Bahn etwa eine halbe Stunde südlich von Hamburg in Niedersachsen gelegen. Sucht man auf der Internetseite der Stadt nach örtlichen Sehenswürdigkeiten, dann werden einem die "historischen Patrizierhäuser" empfohlen und das "historische Wasserviertel". Im Winter gibt es hier einen "historischen Christmarkt", im Herbst ein "mittelalterliches Spektakel" namens Lüneburger Sülfmeistertage.

Das Internet vermittelt den Eindruck, dass Lüneburg sehr alt und romantisch ist, aber ziemlich langweilig. Das Fernsehen auch. Dort läuft die Telenovela Rote Rosen. Seit rund zehn Jahren wird die Serie fast jeden Tag um kurz nach 14 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Und die Studentin Lena Wellbrock ist mit dabei. Als Komparsin spielt sie ab und zu in weißer Bluse, blauer Weste, schwarzem Rock und hohen Schuhen eine Kellnerin im Carlas, dem Restaurant in der Serie. "Ich darf auch was sagen", sagt Lena Wellbrock. Ihre Standardsätze vor der Kamera sind: "Was darf ich Ihnen bringen?" und "Hat es geschmeckt?".

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Rote Rosen ist eine der erfolgreichsten Telenovelas der deutschen Fernsehgeschichte. Sie erzählt von einer Frau Mitte 40, die alle 200 Folgen ausgewechselt wird. In der aktuell elften Staffel heißt diese Frau Jana Greve und wird gespielt von Jenny Jürgens, der Tochter des Schlagersängers Udo Jürgens, der Ende letzten Jahres gestorben ist. Jenny gehört zum Inventar des deutschen Vorabendprogramms, zuletzt spielte sie in Lena – Liebe meines Lebens im ZDF. Rote Rosen hat pro Folge 1,6 Millionen Zuschauer. Die meisten Zuschauer sind Frauen über 50. Fragt man die Sprecherin der Serie, ob es Pläne gebe, mehr junge Leute anzusprechen, verneint sie.

Anders als etwa bei der Soap Verbotene Liebe, die in Düsseldorf spielt, ohne dass die Stadt ständig thematisiert wird (man sieht nur mal Bilder der Kö), geht es in Rote Rosen um Lüneburg. Da gibt es einen Oberbürgermeister, der oft vor dem echten Rathaus der Stadt gezeigt wird. Das Hotel, das in der Serie vorkommt, gibt es wirklich. Und die Gärtnerei auch. Man könnte sagen: Rote Rosen ist Lüneburg. Und Lüneburg ist Rote Rosen. Manche hier nervt das. Zum Beispiel die Leute aus der Vitrine.

Leonie Werner, Marthe Nehl, Theo Haustein und Julien Lux sind Anfang 20, sie studieren und arbeiten in Lüneburg. Nebenbei betreiben sie die Vitrine, zusammen mit rund 30 anderen Leuten, die in einem Verein namens Zum Kollektiv zusammengeschlossen sind. Vitrine, so nennen sie die 140 Quadratmeter große ehemalige Schlecker-Filiale im Viertel Schützenplatz. Demnächst soll das Gebäude abgerissen werden, aber bis dahin können sie den Raum nutzen, für 150 Euro im Monat. Sie wohnen hier nicht, sondern veranstalten Konzerte, Tatort-Abende, Lesungen, Deutschkurse für Flüchtlinge und demnächst einen Swing-Tanzkurs. Die Leute aus der Vitrine sind sich einig: Lüneburg hat eine große alternative Kulturszene. Bloß weiß das keiner. "Die Stadt hat ein Rentner-Image", sagt Leonie Werner. Die Schuld dafür gibt sie unter anderem Rote Rosen.

Die Stadtverwaltung von Lüneburg hat nichts gegen das Rentner-Image. Der Tourismus ist auf die Serie ausgerichtet, es gibt ein Rote Rosen-Hotel und eine Rote Rosen-Führung durch die Kulissen. Im Touristenbüro kann man Fanartikel der Serie kaufen: Handtücher, Nagelfeilen, Seifen und Wein mit dem Rote Rosen-Logo. Und einen Stadtplan, auf dem die wichtigsten Drehorte eingezeichnet sind. Regelmäßig kommen Touristen in Reisebussen, etwa aus Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. "Wir profitieren sehr von der Serie", sagt Suzanne Moenck, die Sprecherin der Stadt Lüneburg, "das ist unbezahlbare Werbung". Seit Beginn der Ausstrahlung sei die Besucherzahl stetig gestiegen.