Pang! Patsch! Pang! Patsch! So klingt es, wenn Heinrich Popow rennt. Wenn sein rechter Fuß auf den Turnhallenboden der Fritz-Jabobi-Halle in Leverkusen trifft – Patsch! –, schwingt an seinem linken Bein ein künstlicher Unterschenkel am hydraulischen Kniegelenk nach vorn und landet dann: Pang! Popows linkes Bein ist über dem Knie amputiert.

Er geht zurück zum Start, vorbei an seiner nichtbehinderten Trainingskollegin. "So wird das nichts", scherzt er, als sie an ihm vorbeirennt. Trotz seiner Prothese war er schneller. Mal wieder. Heinrich Popow, 31, ist einer der erfolgreichsten paralympischen Athleten Deutschlands. Die 100 Meter läuft er in 12,11 Sekunden. Zum Vergleich: Der Weltrekord bei nichtbehinderten Sprintern liegt bei 9,58 Sekunden.

Jahrhundertelang waren Prothesen primitive Hilfsmittel. Man sieht das noch heute an den Holzbeinen der Weltkriegsheimkehrer in Gemälden von George Grosz oder an den Hakenhänden in Piratenfilmen. Lange war es unvorstellbar, dass ein Einbeiniger ein erfolgreicher Sprinter ist. Doch in den letzten Jahren sind Prothesen so leistungsfähig geworden, dass es heute Leute wie Heinrich Popow gibt: Sportler mit Behinderung, die mit Nichtbehinderten mithalten.

Wer sehen will, welchen Sprung der Prothesenbau in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat, muss nach Duderstadt bei Göttingen fahren. Hier wurden die Prothesen gebaut, mit denen Popow rennt: bei der Firma Otto Bock, einem der Weltmarktführer. Allein 2013 verkaufte die Firma Prothesen im Wert von mehr als 350 Millionen Euro.

Jens Nörthemann arbeitet seit 30 Jahren bei der Firma und musste in seiner Ausbildung noch das Pappelholz für Holzbeine aus Trocknungsöfen holen. "Das war wie in der Sauna", sagt er, "ich bin froh, dass es das nicht mehr gibt."

In einer Vitrine in der Produktionshalle stehen noch ein paar der Holzprothesen aus früheren Zeiten. Die Beine sind in der Mitte hohl und haben nur ein Gelenk: am Knie. Beim Gehen stellt man einen Hebel fest, im Sitzen macht man ihn los, damit das Knie angewinkelt werden kann. "Ein paar Bestellungen bekommen wir dafür sogar noch", sagt der Ingenieur Jens Nörthemann, "von alten Menschen, die sich nicht mehr an die neue Technik gewöhnen wollen."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

"Echt?", fragt Michael Bremer und schaut verdutzt. Er ist Jungentwickler bei Otto Bock. Dass Prothesen mal aus Pappelholz hergestellt wurden, weiß der 27-Jährige nur noch aus den Lehrbüchern. Er hat Bionik und Sportgerätewissenschaften an den Unis in Bremen und Wien studiert. Bei Otto Bock arbeitet er daran, wie man bessere künstliche Kniegelenke herstellen kann, eine der Herausforderungen im Prothesenbau.

Michael Bremer ist in einer Zeit aufgewachsen, in der Prothesen Hightech-Geräte sind, die auf das Zucken der Muskeln im amputierten Stumpf reagieren können und sich über Sensoren im Fußbereich an verschiedene Untergründe anpassen. In einer Zeit, in der manche so weit gehen, Prothesen bei Sportlern für eine Art Technik-Doping zu halten.

Als im vergangenen Sommer der neue Deutsche Meister im Weitsprung gekürt wurde, war das eine Sensation. Denn der Titel ging an den Athleten Markus Rehm. Er ist am Unterschenkel amputiert und sprang bei der Meisterschaft in Ulm 8,24 Meter – und damit weiter, als alle seine nichtbehinderten Konkurrenten.

Nach seinem Sieg gingen die Diskussionen los: War der Rekord wirklich eine sportliche Leistung? Oder verdankt Markus Rehm seinen Sieg nicht eher den Ingenieuren, die seine geschwungene Fußprothese aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff gebaut haben? Hat er den Meistertitel überhaupt verdient? Kurz zuvor waren die Bilder des südafrikanischen Sprinters Oscar Pistorius um die Welt gegangen, dem "fastest man on no legs", wie eine britische Zeitung schrieb. Das befeuerte der Debatte noch.