Als morgens um halb acht der Fliegeralarm durch das Newnham College in Cambridge heult, bleibt Rosalind Franklin in ihrem Zimmer. Es ist der Herbst 1939, und seit dem deutschen Angriff auf Polen befindet sich Großbritannien im Krieg. Fast täglich schallt der Alarm durch Cambridge – bisher nur zur Übung. Die Stadt ist umgeben von militärischen Stützpunkten und gilt als mögliches Angriffsziel deutscher Bomber. Immer wieder müssen die Studenten alles stehen und liegen lassen, Gasmasken anziehen und nach draußen fliehen.

Sinnlos, findet die 19-jährige Franklin. "Ich habe nur eine Nacht halbwegs schlafen können", schreibt sie an ihre Eltern. "Wir sind das einzige College, das auf diese Weise benachteiligt wird, und ich drohe den Anschluss zu verlieren." Ihre Tutorin bemerkt, dass Franklin nicht an der Luftschutzübung teilnimmt, stürmt in ihr Zimmer und beschimpft sie als "illoyal". Doch Franklin widersetzt sich dem Drill ebenso wie dem Wunsch ihres Vaters, sie solle ihr Studium abbrechen und Kriegsdienst leisten, etwa als Krankenschwester. Franklin tut, was sie tun will: lernen, forschen, die Welt verstehen.

Rosalind Franklin wird am 25. Juli 1920 in London geboren. Sie wächst in einer jüdischen Bankiersfamilie mit drei Brüdern und einer Schwester auf. Einmal fragt sie ihre Mutter: "Woher weißt du, dass Gott keine Sie ist?" Als sie an der Mädchenschule St. Paul’s für einen Aufsatz nicht die Bestnote A erhält, sondern bloß ein B+, nennt sie ihre Lehrerin ein "altes Schwein". Ihre Tante bezeichnet sie als "erschreckend schlau", da ist Rosalind gerade sechs.

Mit 17 besteht Rosalind Franklin die Aufnahmeprüfung in Cambridge und kommt ans Newnham-College. Frauen dürfen dort zwar studieren, aber nicht den gleichen Abschluss machen wie Männer. Manche verspotten die Frauendiplome als "Titten-Titel". Den Nobelpreis haben bisher nur wenige Frauen bekommen, und auch die Forschergesellschaft Royal Society nimmt nur Männer auf. Rosalind Franklin entmutigt das nicht. Acht Stunden verbringt sie täglich im Labor.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Einen Monat nach ihrem Studienbeginn brennen in Deutschland die Synagogen. Als Franklin erfährt, dass Juden verfolgt werden, ist sie schockiert. "Die Menschen hier reden nicht über Politik", schreibt sie aus Cambridge nach Hause. Dann greift die deutsche Luftwaffe Großbritannien an, Bomben fallen auf London. Die Fenster des Hauses der Familie bersten, die Eltern müssen umziehen. Franklin listet auf, was sie mitnehmen sollen: Wanderstiefel, Rucksack, französische Bücher. "Ich würde es nicht ertragen, diese Dinge an die Bomben zu verlieren", schreibt sie.

Von ihren Dozenten hält Rosalind Franklin nicht viel. Den Professor für physikalische Chemie, bei dem sie nach ihrem Abschluss als Hilfskraft anfängt, nennt sie "Oger". Ihren Eltern schreibt sie: "Er ist einer dieser Menschen, die Dich nur in Ordnung finden, solange Du zu allem ja sagst."