Ein großes Internat – Seite 1

Für jede Ausgabe reist ein ZEIT CAMPUS-Redakteur in eine Uni-Stadt. Wohin es geht, entscheidet der Zufall.

Von wegen Kleinstadtstille: Mein erster Abend in Weimar beginnt mit einem Knall. Der Himmel explodiert: gelb, pink, blau, Strobo, Rauch, dann ist es wieder dunkel. 200 Stunden Arbeit steckten in acht Minuten Glück, erklärt Felix, der das Feuerwerk mitorganisiert hat – als Abschluss für sein Seminar in Pyrotechnik. "Heute Abend ist es in Weimar das Hauptevent", sagt er.

Knapp 30 Studenten stehen am Lagerfeuer auf einem Feld, Bier gibt es für einen Euro. Ich frage einen Lockenkopf namens Roman, ob er Lust hat, eine Nachtwanderung zu machen. Er hat. Wir laufen los, über uns stachelige Sterne, unter uns Matscherde. Die Luft riecht nach Kuh, obwohl wir nur 15 Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt sind. Ich bin mir sicher: Hier bin ich richtig.

Nach dem Abi war nur die größte deutsche Stadt groß genug für mich: Berlin, 3,5 Millionen Einwohner. Ich wollte Freiheit. Und unbedingt eine U-Bahn. Die folgenden Jahren waren very Berlin: Ich aß viel Döner, studierte das Partyverzeichnis auf Resident Advisor ausführlicher als Uni-Texte und fühlte mich mit Hingabe allein und unverstanden. Für den Master war mir selbst Berlin zu klein: Ich zog nach New York.

Hier in Weimar will ich ein Studentenleben ausprobieren, das ich nie hatte. Ein Leben wie aus den Uni-Prospekten: Weißbezahnte junge Menschen, die sich auf saftigen Wiesen fläzen oder Mensakaffe trinken, als hätten sie alle Zeit der Welt; legendäre WG-Partys mit Badewannen voll Billigbier. All das habe ich verpasst, weil ich täglich drei Stunden U-Bahn fuhr: anderthalb Stunden zur Uni, anderthalb zurück.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Auf den ersten Blick ist Weimar hübsch, eine Stadt wie eine Sahnetorte. Etwa 65.000 Menschen leben hier, davon 6.000 Studenten, die an zwei Hochschulen studieren: der Bauhaus-Universität und der Hochschule für Musik. Beide liegen am Park; in die Innenstadt kann man in unter zehn Minuten laufen. Überhaupt: Man kann so ziemlich überallhin in zehn Minuten laufen. Das Sicheinleben ist schnell vollbracht. Was das Erleben angeht, habe ich eine To-do-Liste mit Sachen, die mir im Studium entgangen sind und die ich hier nachholen will.

Erstens: Betrunken von der Uni nach Hause laufen (in Berlin hätte mein Heimweg laut Google Maps 3 Stunden 25 Minuten gedauert).

Zweitens: Eine Mutprobe bestehen (laut meiner Recherche klettert man in Weimar dazu auf das Goethe-Schiller-Denkmal am Theaterplatz).

Drittens: Einen Stammbarkeeper finden (ging in Berlin schlecht, weil ständig eine neue Bar aufgemacht hat, die man zwingend ausprobiert haben musste).

Viertens: Bowlen.

Hinter dem fünften Punkt – Lagerfeuer und Nachtwanderung – kann ich jetzt schon ein Häkchen machen, bierselig, mit Rauchhaaren und dreckigen Schuhen.

Am nächsten Morgen beginne ich gleich mit der Mutprobe, komme aber nicht weit. Ein Rentner holt mich vom Denkmal runter, noch bevor ich Schillers Schuh berühren kann. Ich laufe zur Bauhaus-Universität. Es sind Semesterferien, und ich erwarte einen Geistercampus. Aber der Innenhof ist voller Studenten, die in die Märzsonne blinzeln. Die Universität hat vier Fakultäten – Architektur und Urbanistik; Gestaltung; Bauingenieurwesen; Medien – und schreibt sich die Traditionen des Bauhauses auf die Fahne, einer Kunstschule, die 1919 in Weimar gegründet wurde und als Heimstätte von modernem Design und moderner Architektur gilt. Nach ihrem Vorbild wird an der Bauhaus-Uni Kunst mit Technik verknüpft, Studenten sollen mit eigenen Händen arbeiten. Es gibt Werkstätten für Fotografie, Holz, Metall, Gips- und Formenbau.

In der Gipswerkstatt gießt eine zierliche Französin eine Porzellantasse – kein Uniprojekt, einfach so, aus Spaß. Ob sie Lust hat, mit mir in die Mensa zu gehen? Sie hat. Aber vorher zeigt mir Sylvie, die Nachhaltige Produktkulturen studiert, das Arbeitsatelier ihres Studiengangs. Einen Arbeitsplatz an der Uni haben hier viele.

In Berlin fühlte ich mich überflüssig wie ein Blinddarm

Das Atelier ist heimelig: Es gibt viel Platz zum Abhängen und eine Herdplatte, an der Daniel Espresso kocht, ein verwuschelter Typ in einer Baggy Jeans voller Farbkleckse. "Ich verbringe hier mehr Zeit als daheim", erzählt er. Zu Hause habe er nicht mal einen Schreibtisch. Oft steht er schon um sieben vor der Werkstatt, skatet nachmittags auf dem Campus und legt zum Spaß eine Nachtschicht ein, bei der er mit Freunden und Schnaps Flugzeuge bastelt. "Eine Wohnung brauchst du nur zum Schlafen, Zähneputzen und für Sex", sage ich im Scherz. "Stimmt", sagt Daniel völlig ernst. Und fügt hinzu: "Wobei es bei allen drei Punkten Ausnahmen gibt." Dass die Uni ein Zuhause sein soll, nimmt er wörtlich. Ich selbst ging zur Uni wie zur Arbeit, bei der man jede Überstunde vermeidet.

"Daniel ist ein Extremfall", sagt Sylvie später in der Mensa. "Aber die Uni ist schon der Lebensmittelpunkt." Ich erörtere mit ihr, Daniel und ihren Freunden die Vor- und Nachteile einer kleinen Studentenstadt. Das Nervige kurz zusammengefasst: Man lebt in einem Internat. Der einzige Mensch, den man nicht von der Uni kennt, ist der Grasdealer. Gerüchte verbreiten sich wie Windpocken in der Krabbelgruppe. Geheime Affären: unmöglich. Und wer nach einem Absturz Rollmops im Supermarkt kauft, trifft sicher einen, der dabei war, als man gestern auf dem Tisch die Internationale performte.

Dafür hat man Zeit für sinnlose Hobbys und Projekte, die nicht unbedingt einen Endzweck haben: Daniel bastelt vibrationsbetriebene Skateboards, Sylvie Toiletten, die aus Urin Phosphor gewinnen. Die beiden sind sich einig: Es gibt hier mehr Platz für Wildwuchs, das Studium ist keine Schnellstraße in den Beruf. "Kaum einer will hier straight durch", sagt Daniel.

Bowlen will abends keiner, ich habe mir wohl nur eingebildet, dass man das in kleinen Städten macht. Dafür arbeiten wir gemeinschaftlich an Punkt eins und drei: dem Stammbarkeeper und dem betrunkenen Nachhauselaufen. Beides nicht so schwer: Das Nachtleben spielt sich in einer Handvoll Kneipen ab (Zum Falken, C-Keller, M18, Kasseturm, Gerberhaus). Im Falken war ich bereits am Abend zuvor, und der Barkeeper winkt mir zu. Er hat sich an meinen Mantel erinnert und daran, dass ich gestern "Beton" bestellte, einen Longdrink aus Becherovka und Tonic, den ich bisher nur hier entdeckt habe.

Dann geht es in die M18, ein Haus am Campus, das von Studenten verwaltet wird, mit Café, Bar, dem "maschinenraum", in dem sich Hacker treffen, und dem Auto-Mate, einem selbst programmierten Getränkeautomaten, der Club-Mate und Softdrinks verkauft. Ich brauche Hochprozentiges, um mir Mut für die zweite Statuenbesteigung anzutrinken, was wunderbar geht, da unten gerade eine Party steigt. "Warst du gestern nicht beim Feuerwerk?", fragt mich ein Kerl. So schnell geht das also! Ich fühle mich überwacht. Aber auch irgendwie wahrgenommen. In Berlin fühlte ich mich oft überflüssig wie ein Blinddarm – man würde nicht einmal merken, wenn er fehlte. Ich frage Sarah, die auf mein Facebook-Gesuch nach Trinkkumpanen reagiert hatte, ob sie Lust auf Kirschlikör hat. Sie hat. Dann rufe ich ein Taxi, bevor sich der Schnapsmut verflüchtigt. Als ich dem Fahrer mein Ziel nenne, lacht er mich aus und fährt davon. Er hat recht: Natürlich läuft man zum Goethe-Schiller-Denkmal keine zehn Minuten.

Am Sockel hängen Teenager ab. Dafür, dass ich ihnen die Reste meines Wegbiers gebe, machen sie Räuberleiter. Ich klettere in die Arme von Goethe und Schiller. Dort lässt es sich gut darüber nachdenken, ob mein Leben in einer Stadt wie Weimar, wo man schnell Leute kennenlernt und Projekte macht, die keine Creditpoints bringen, anders geworden wäre. Würde ich jetzt noch in der Mensa hängen, statt schon während des Studiums den ersten Arbeitsvertrag zu unterzeichnen? Wären hier meine Talente gediehen, wie unter einer Käseglocke, beschützt vor Großstadtlärm und dem Druck der unbegrenzten Möglichkeiten? Ich hätte gern Goethe und Schiller gefragt, schließlich hat es bei ihnen auch geklappt. Aber natürlich schweigen sie.