Das Atelier ist heimelig: Es gibt viel Platz zum Abhängen und eine Herdplatte, an der Daniel Espresso kocht, ein verwuschelter Typ in einer Baggy Jeans voller Farbkleckse. "Ich verbringe hier mehr Zeit als daheim", erzählt er. Zu Hause habe er nicht mal einen Schreibtisch. Oft steht er schon um sieben vor der Werkstatt, skatet nachmittags auf dem Campus und legt zum Spaß eine Nachtschicht ein, bei der er mit Freunden und Schnaps Flugzeuge bastelt. "Eine Wohnung brauchst du nur zum Schlafen, Zähneputzen und für Sex", sage ich im Scherz. "Stimmt", sagt Daniel völlig ernst. Und fügt hinzu: "Wobei es bei allen drei Punkten Ausnahmen gibt." Dass die Uni ein Zuhause sein soll, nimmt er wörtlich. Ich selbst ging zur Uni wie zur Arbeit, bei der man jede Überstunde vermeidet.

"Daniel ist ein Extremfall", sagt Sylvie später in der Mensa. "Aber die Uni ist schon der Lebensmittelpunkt." Ich erörtere mit ihr, Daniel und ihren Freunden die Vor- und Nachteile einer kleinen Studentenstadt. Das Nervige kurz zusammengefasst: Man lebt in einem Internat. Der einzige Mensch, den man nicht von der Uni kennt, ist der Grasdealer. Gerüchte verbreiten sich wie Windpocken in der Krabbelgruppe. Geheime Affären: unmöglich. Und wer nach einem Absturz Rollmops im Supermarkt kauft, trifft sicher einen, der dabei war, als man gestern auf dem Tisch die Internationale performte.

Dafür hat man Zeit für sinnlose Hobbys und Projekte, die nicht unbedingt einen Endzweck haben: Daniel bastelt vibrationsbetriebene Skateboards, Sylvie Toiletten, die aus Urin Phosphor gewinnen. Die beiden sind sich einig: Es gibt hier mehr Platz für Wildwuchs, das Studium ist keine Schnellstraße in den Beruf. "Kaum einer will hier straight durch", sagt Daniel.

Bowlen will abends keiner, ich habe mir wohl nur eingebildet, dass man das in kleinen Städten macht. Dafür arbeiten wir gemeinschaftlich an Punkt eins und drei: dem Stammbarkeeper und dem betrunkenen Nachhauselaufen. Beides nicht so schwer: Das Nachtleben spielt sich in einer Handvoll Kneipen ab (Zum Falken, C-Keller, M18, Kasseturm, Gerberhaus). Im Falken war ich bereits am Abend zuvor, und der Barkeeper winkt mir zu. Er hat sich an meinen Mantel erinnert und daran, dass ich gestern "Beton" bestellte, einen Longdrink aus Becherovka und Tonic, den ich bisher nur hier entdeckt habe.

Dann geht es in die M18, ein Haus am Campus, das von Studenten verwaltet wird, mit Café, Bar, dem "maschinenraum", in dem sich Hacker treffen, und dem Auto-Mate, einem selbst programmierten Getränkeautomaten, der Club-Mate und Softdrinks verkauft. Ich brauche Hochprozentiges, um mir Mut für die zweite Statuenbesteigung anzutrinken, was wunderbar geht, da unten gerade eine Party steigt. "Warst du gestern nicht beim Feuerwerk?", fragt mich ein Kerl. So schnell geht das also! Ich fühle mich überwacht. Aber auch irgendwie wahrgenommen. In Berlin fühlte ich mich oft überflüssig wie ein Blinddarm – man würde nicht einmal merken, wenn er fehlte. Ich frage Sarah, die auf mein Facebook-Gesuch nach Trinkkumpanen reagiert hatte, ob sie Lust auf Kirschlikör hat. Sie hat. Dann rufe ich ein Taxi, bevor sich der Schnapsmut verflüchtigt. Als ich dem Fahrer mein Ziel nenne, lacht er mich aus und fährt davon. Er hat recht: Natürlich läuft man zum Goethe-Schiller-Denkmal keine zehn Minuten.

Am Sockel hängen Teenager ab. Dafür, dass ich ihnen die Reste meines Wegbiers gebe, machen sie Räuberleiter. Ich klettere in die Arme von Goethe und Schiller. Dort lässt es sich gut darüber nachdenken, ob mein Leben in einer Stadt wie Weimar, wo man schnell Leute kennenlernt und Projekte macht, die keine Creditpoints bringen, anders geworden wäre. Würde ich jetzt noch in der Mensa hängen, statt schon während des Studiums den ersten Arbeitsvertrag zu unterzeichnen? Wären hier meine Talente gediehen, wie unter einer Käseglocke, beschützt vor Großstadtlärm und dem Druck der unbegrenzten Möglichkeiten? Ich hätte gern Goethe und Schiller gefragt, schließlich hat es bei ihnen auch geklappt. Aber natürlich schweigen sie.