Feiern oder philosophieren? Dave baut erst mal einen Joint. Es ist das Jahr 1989, ein Freitagabend, Dave sitzt mit seinem Mitbewohner Mark in der gemeinsamen WG in der Nähe von Boston. Gerade haben die beiden noch über Willensfreiheit und den New Deal diskutiert, jetzt drängt Mark zum Aufbruch. Er will ins Middle East, Daves Lieblingsbar, in der es Stand-up-Comedy und Hip-Hop-Partys gibt. Doch Mark kann seinen Kumpel nicht zum Aufbruch bewegen. Dave will lieber allein sein und über Wittgenstein nachdenken.

Dave hat einen messerscharfen Intellekt. Und Humor. Der Sonderling mit den langen Haaren, abgeschnittenen Hosen und schweren Timberland-Boots kommt gut an bei den Frauen. Doch da ist auch noch sein zweites Ich: ängstlich, unsicher, grüblerisch. Tagelang sitzt er zu Hause, versteckt sich vor der Welt und arbeitet manisch an seinen Texten. Später wird er zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Generation. Zu einem Autor, der in den unterschiedlichsten Genres brilliert, der strenge philosophische Abhandlungen schreibt, kluge Essays über Old-School-Rap und den tausendseitigen Roman Unendlicher Spaß – und dessen Lebensgeschichte dennoch tragisch endet.

Geboren wird David Foster Wallace am 21. Februar 1962. John F. Kennedy ist Präsident, der Kalte Krieg wird mit der Kubakrise bald einen frühen Höhepunkt erreichen. Dave, wie ihn seine Freunde nennen, verbringt seine Kindheit in einer Kleinstadtidylle in Illinois, umgeben von Maisfeldern. Sein Vater, ein Philosophieprofessor, und seine Mutter, eine Englischlehrerin, erzählen ihm abends Geschichten. Er ist ein zarter Außenseiter, der sich oft mit seiner Schwester streitet, Science-Fiction-Romane liebt und Raumschiff Enterprise. Wenn er sich nicht wegträumt, spielt er Tennis. Mit 14 Jahren schafft er es in die Spitze der Jugendliga.

Die ersten depressiven Schübe hat Dave zu diesem Zeitpunkt schon durchlebt. Mit neun oder zehn ereilen ihn die ersten Verstimmungen, Panikattacken begleiten seine Highschool-Zeit. Beides versucht er zu verheimlichen. Manchmal beginnt er zu schwitzen und behauptet dann, er käme gerade vom Tennistraining. Er leidet an seiner Wahrnehmung der Gesellschaft, an ihrer Konsumlust und an dem Individualismus, der Dave wie kollektive Einsamkeit vorkommt.

Schon als Jugendlicher raucht er einen Joint nach dem anderen. Er wird zu einem Experten für illegale Drogen. "Nimm weder LSD noch Koks, das ist beides gefährlich und teuer", schreibt er einem Freund. "Pilze sind witzig, du wirst davon albern und hältst dich für klüger, als du bist, was eine Weile Spaß macht." Dennoch gelingt es ihm nicht, seinen Schmerz zu betäuben. Was hilft, sind die Antidepressiva und das Schreiben. Zunächst.

Ab 1980 studiert Dave am Amherst College Logik, Philosophie und Mathematik. Den Professoren fällt er früh auf durch sein Talent, seinen Ehrgeiz und seine Leidenschaft fürs Debattieren. Im zweiten Semester bekommt er eine Auszeichnung für den besten Notendurchschnitt seines Jahrgangs. Aber immer wieder muss er sein Studium wegen depressiver Schübe unterbrechen, mehrmals lässt er sich in eine Klinik einweisen. "Das obsessive Lernen, das mich zum Leben erweckt hat, hat mich gleichzeitig nicht leben lassen", sagt er später.

Während seiner Examensarbeit entscheidet Dave, dass er kein Philosoph werden will. Die geplante Promotion an der Universität Harvard gibt er 1992 zugunsten der Literatur auf. Er will Prosa schreiben, die "noch in hundert Jahren" lesbar sein soll. "In meinen Augen war er ein extrem begabter junger Philosoph, der in seiner Freizeit Romane schrieb", wird sein Professor Jay Garfield später sagen. "Mir war nicht klar, dass er in Wahrheit einer der begabtesten Romanciers seiner Generation war, der nebenbei philosophierte."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/15, das am Kiosk erhältlich ist.

David Forster Wallace verfasst nun Kurzgeschichten, Reportagen und Essays mit einer fast krankhaften Genauigkeit. Seitenlange Fußnoten und Schachtelsätze werden sein Markenzeichen. Fünf Fassungen schreibt er von jedem Text, drei per Hand, zwei am Computer. Er wird ein Schriftsteller, der von Literaturkritikern genauso geliebt wird wie von Hipstern. Einmal sagt er: "Wenn ich glücklich sein könnte, würde ich dafür das Schreiben aufgeben."

Dauerhaft helfen können die Antidepressiva nicht. Sie lähmen sein Denken, blockieren das Schreiben. Im Sommer 2007 setzt David Foster Wallace die Medikamente ab. Dann geht alles schnell. Mai 2008: Er schreibt die letzten Worte an seinem aktuellen Buch. Juni: Er nimmt eine Überdosis Tabletten, überlebt. September: Er besorgt sich einen Strick, diesmal gelingt der Suizid. David Foster Wallace verabschiedet sich aus der Welt, an der er immer gelitten hat. Er stirbt am 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien, 4205 Oak Hollow Road.