ZEIT CAMPUS: Was sind das für Menschen, die in den Dschihad gehen?

NEUMANN: Die Gruppe ist diverser als je zuvor. Kennen Sie zum Beispiel den Dschihadi-Hipster? Warten Sie, ich zeige Ihnen ein Bild. Hier sitzt er auf einem Pferd ...

ZEIT CAMPUS: Der sieht nett aus.

NEUMANN: Der ist jetzt tot. Viele glauben, es zögen nur perspektivlose Gangster aus der Vorstadt in den IS. Was Deutschland und Frankreich anbelangt, stimmt das größtenteils auch. Aber in England sind sehr viele Studenten dabei. Einer war sogar Arzt und hat in Cambridge studiert.

ZEIT CAMPUS: Wie kommt das?

NEUMANN: Normalerweise gerät man über Freunde zum Dschihad. Es passiert nur ganz selten, dass sich Leute ausschließlich im Internet radikalisieren. Oder an einem Straßenstand angesprochen werden. Warum stammen aus so kleinen Orten wie Dinslaken oder Solingen plötzlich 20 Auslandskämpfer? Weil die im selben Fußballverein waren oder auf einer Schule. Moment, ich zeige Ihnen ein Bild von einer Gruppe aus Wolfsburg. Zwölf davon sind jetzt in Syrien. Die waren alle befreundet, saßen alle im selben Waffelladen rum und haben sich alle gegenseitig bei Facebook auf die Pinnwand gepostet.

ZEIT CAMPUS: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass Islamisten ihre Anhänger oft an Universitäten suchen.

NEUMANN: Universitäten sind klassische Rekrutierungsorte für Islamisten. Wenn man bei den Eltern auszieht, in eine neue Stadt geht und anfängt zu studieren, fühlen sich viele Leute anfangs verloren. Als junger Muslim bewegst du dich vielleicht auch zum ersten Mal in einem Umfeld, in dem du vorrangig als Muslim gesehen wirst und die Leute allein daraus Schlussfolgerungen über dich ziehen. Wenn dann auf dem Campus jemand zu dir sagt: "Ich verstehe genau, wie es dir geht, komm mal vorbei, wir trinken Tee und diskutieren", dann kann das attraktiv sein.

ZEIT CAMPUS: Sie meinen, manche drehen sich Dreadlocks, um Gleichgesinnte zu finden, andere gehen eben zum "Islamischen Staat"?

NEUMANN: Der islamistische Terrorismus ist eine Jugendkultur. Viele der Kämpfer sind Anfang oder Mitte zwanzig. In dem Alter durchleben die meisten eine rebellische Phase. Sie wollen, dass die Gesellschaft sie ablehnt. Und was ist das Verrückteste, was du heute machen kannst? Womit kannst du deine Eltern, deine Lehrer, alle Autoritäten gegen dich aufbringen? Vor 30 Jahren wärst du vielleicht Punk geworden, vor 20 Jahren Neonazi, heute wirst du Islamist. In Amerika gab es schon Leute, die waren erst Nazis, dann Dschihadisten. Das sind Sinnsucher.

ZEIT CAMPUS: Der Islamismus verbietet Musik, Alkohol und Sex vor der Ehe. Das klingt für mich eher unattraktiv.

NEUMANN: Was der "Islamische Staat" den Leuten bietet, ist ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Die Welt wird immer komplizierter. Institutionen wie Familie, Nation und Religion werden zunehmend infrage gestellt. Manche sehnen sich deshalb nach klaren Regeln und jemandem, der sagt, was gut und böse ist.

ZEIT CAMPUS: Das sind Gedanken, die viele Menschen beschäftigen, aber nicht alle werden deshalb zu Dschihadisten.

NEUMANN: Gerade Kinder und Enkelkinder von Migranten stecken oft in einem Identitätskonflikt: Sie sind in Deutschland geboren. Vieles, was ihre Eltern erzählen, macht keinen Sinn für sie. Andererseits akzeptiert sie die deutsche Gesellschaft nicht wirklich als Deutsche. In Frankreich ist das noch extremer: Wenn du als Muslim in einer Pariser Banlieue aufwächst, hast du keine Chance in der französischen Gesellschaft. Der IS hingegen akzeptiert dich, egal, wo du herkommst, egal, wie oft du von der Polizei verhaftet wurdest, egal, welche Hautfarbe du hast. Hauptsache, du bist Muslim. Dann bist du automatisch besser als alle anderen.

ZEIT CAMPUS: Verstärkt eine Bewegung wie Pegida dieses Problem?

NEUMANN: Absolut! Davor warne ich in meinem neuen Buch. Terroristen wollen Angst verbreiten. Davon profitieren rechte Parteien. Wenn so etwas wie Charlie Hebdo öfter passiert, wird die Ausgrenzung der Muslime stärker. Dann entsteht ein Teufelskreis.

ZEIT CAMPUS: Kann man verhindern, dass Leute sich dem IS anschließen?

NEUMANN: Meine Hoffnung liegt auf den Kämpfern, die desillusioniert aus Syrien zurückkehren. Egal, ob Neonazis oder IS-Anhänger: Das wichtigste Ziel bei der Prävention von Extremismus ist nicht, die Leute von der eigenen Meinung zu überzeugen. Man muss die zehn Prozent Zweifel wecken, die schon in ihnen stecken. Wenn du dich für eine Sache in die Luft sprengen willst, musst du zu 100 Prozent davon überzeugt sein. Sonst wärst du ja verrückt.

In diesem Interview verrät Peter Neumann schon vorab Erkenntnisse aus seinem Buch "Die neuen Dschihadisten", das im Oktober im Econ Verlag erscheint. Mehr Interviews mit Forschern und Intellektuellen unter www.zeit.de/sprechstunde