"Man kann mich mit einem Notfallchirurgen vergleichen", sagt Jasper Stahlschmidt, "und das Unternehmen mit einem Schwerverletzten, den ich behandle." Stahlschmidt ist Sanierungsberater. Er kommt in ein Unternehmen, wenn es fast schon zu spät ist: Wenn die Auftragslage eingebrochen ist und die Zahlungsfristen abgelaufen sind. Wenn die Insolvenz droht. Er will das Unternehmen nicht schließen, wie es Insolvenzverwalter häufig tun, er will es aus seiner Notlage retten und wieder überlebensfähig machen. Trotzdem muss er immer damit rechnen, dass ihm sein Patient auf dem OP-Tisch wegstirbt.

Der letzte Notruf, der ihn erreichte, kam aus Bad Lippspringe bei Paderborn. Im Herbst meldete sich die Firma Wellemöbel in der Düsseldorfer Wirtschaftskanzlei Buchalik Brömmekamp, bei der Stahlschmidt arbeitet. Wellemöbel ist ein Möbelhersteller mit mehreren Tochterunternehmen und hundertjähriger Tradition. Doch nun gab es Probleme: Die Konkurrenz auf dem Möbelmarkt war zu stark geworden, die Produktion nicht mehr zeitgemäß. Die Umsätze waren abgesackt, die Schulden in zweistellige Millionenhöhe geklettert. Diagnose: akute Lebensgefahr. Mehr als 900 Arbeitsplätze drohten bei einer Pleite von Wellemöbel verloren zu gehen.

Jasper Stahlschmidt und sein Team leiteten ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung ein. Im Unterschied zu einer klassischen Insolvenz, bei der die Geschäftsführung alle Entscheidungen einem Insolvenzverwalter übergeben muss, können die Verantwortlichen hier ihre Firma selbst vor der Schließung bewahren. Stahlschmidt berät sie dabei als Sanierungsgeschäftsführer.

Zum Termin in Bad Lippspringe kommt Stahlschmidt im Anzug, mit rahmenloser Brille, vorbildlicher Körperhaltung und der alten Ledertasche seines Vaters – einem Arztkoffer. Nebenan in den Produktionshallen werden im Schichtbetrieb Holzmöbelteile gepresst, gesägt, lackiert und gelagert. Hier, in einem Büro der Firmenleitung, setzt sich Stahlschmidt an einen Konferenztisch gegenüber von Anna Sommermeyer-Rickert, der jüngsten der drei Geschäftsführer von Wellemöbel. "Ich freue mich schon, wenn Herr Stahlschmidt wieder geht", scherzt die 30-Jährige.

Für sie und ihre Kollegen sei es nicht einfach gewesen, sich ständig von ihrem Berater auf die Finger schauen zu lassen, sagt sie. Wohl auch deshalb, weil Stahlschmidt nicht nur die Interessen des Unternehmens vertreten muss, sondern auch die der Banken und Gläubiger. Sie werden am Ende des Verfahrens über das Schicksal von Wellemöbel abstimmen.

Die Zusammenarbeit habe immer gut funktioniert, betonen alle, die am langen Tisch sitzen. Das sei nicht bei jeder Unternehmenssanierung so. "Oft brauchte ich viel Fingerspitzengefühl und knallharte Fakten, um einen Firmenpatriarchen zu überzeugen, sein Lieblingsprodukt, das ihm seit Jahren rote Zahlen beschert, endlich aus dem Sortiment zu werfen", sagt Stahlschmidt.

Meist muss für eine bessere Zukunft ein Stück Tradition geopfert werden. Das gehört auch zum Sanierungsplan von Wellemöbel: Den Kauf neuer Maschinen, mehr Einzelfertigungen, die Schließung eines von drei Produktionsstandorten und die Kürzung von mehr als 200 Arbeitsplätzen haben die Geschäftsführer und Stahlschmidt beschlossen. Er war dabei, als den Mitarbeitern gesagt wurde, dass sie ihren Job verlieren werden. Manche sind seit Jahrzehnten im Unternehmen. Es war wohl ihr schlimmster Tag bei Wellemöbel.

Beim wichtigsten Gerichtstermin Ende Juni sind die Gläubiger vom Sanierungsplan überzeugt. Sie erlassen der Firma einen Großteil der Schulden und ermöglichen so einen Neubeginn. Obwohl fast ein Drittel der Mitarbeiter Stahlschmidts Abschied nicht mehr erlebt, verlässt er Wellemöbel mit einem Erfolgsgefühl. Für das Unternehmen waren die Opfer sinnvoll. Wäre er ein Arzt, würde Stahlschmidt wohl sagen: "Wir konnten sein Bein zwar nicht retten, aber der Patient lebt."