Abgesehen von einer Praktikumsabsage hat im Berufsleben von Anna Abraham alles geklappt, was sie sich vorgenommen hat. Was Scheitern bedeutet, lernte sie erst bei Hanse Ventures. Die Hamburger Firma unterstützt Start-ups. Im Tausch gegen Firmenanteile bietet sie jungen Gründern ihre Kontakte zu Investoren und Geschäftspartnern und stellt ihnen Experten wie Anna Abraham zur Seite, die junge Gründer beim Marketing berät.

Heute hat Abraham ein Meeting mit dem neuesten der insgesamt zwölf Start-ups, die Hanse Ventures betreut. Erst beim Verkauf der Firma in vier bis acht Jahren wird sich zeigen, ob es seine Gründer und Investoren reich macht. Bis dahin herrscht Ungewissheit. Denn Schätzungen zufolge scheitern 50 bis 70 Prozent aller Start-ups. Auch bei Hanse Ventures zerplatzen immer wieder Gründerträume – obwohl die Firma vorab zu testen versucht, ob eine Geschäftsidee vielversprechend ist.

"Es gibt Gründer, die frisch von der Uni kommen und denken, dass sie schnell das große Geld machen können", sagt Anna Abraham. "Einige halten sich schon für die Größten, bevor sie etwas erreicht haben."

Es komme auch vor, dass sich scheinbar gute Leute nach einiger Zeit als inkompetent herausstellen. Diesen Fall hatte Abraham bei einer ihrer ersten Beratungen, erzählt sie. Zuerst habe alles vielversprechend gewirkt. Später bemerkten Abraham und ihre Kollegen, dass es hinter der Fassade des Start-ups chaotisch zuging, erzählt sie. In solchen Situationen sei man als Berater der Buhmann. Man müsse dann Klartext reden, auch wenn es wehtue.

Auf Rat von Anna Abraham entließ der Gründer sieben Leute aus seinem Team. Abraham stand am Tag der Bekanntgabe schon morgens um acht auf dem Balkon und rauchte Kette. "Ich bin nicht Arsch genug, damit mich so was kalt lässt", sagt sie. Sie brenne für ihre Start-ups und mache sich viele Gedanken, wie man Pleiten vermeiden könne. "Ein bisschen sind die Projekte schließlich wie meine Patenkinder." Dennoch wurde das Start-up kurz danach von Hanse Ventures geschlossen, und die Anteile wurden verkauft. Was danach geschah? Anna Abraham habe das nicht genau verfolgt. "So ist das Business."

Draußen vor dem Bürofenster in der Nähe des Hamburger Hafens balanciert eine Möwe im Wind, als Abraham es sich auf ihrem Stuhl bequem macht: Das rechte Bein ist hochgezogen, ihr Knie stützt sie an die Armlehne. Was sie für das Meeting braucht, hat Abraham im Kopf. Während des Gesprächs macht sie sich genau drei Notizen – in zwei Stunden.

Um Exitstrategien, falls die Firma scheitern sollte, geht es dabei nicht, sondern darum, was die nächsten Schritte zum Erfolg sind. Wer immer nur an die Gefahren denkt, wird wohl auch nie den Mut aufbringen, eine Firmenidee durchzuziehen. Außerdem sei das Scheitern in der Start-up-Szene keine Katastrophe, sagt Abraham. "Den guten Leuten wird nach einem Misserfolg oft sofort das nächste Projekt angeboten, die muss man kaum trösten."

Manche, die schon mal mit einem Start-up gescheitert sind, sind sogar stolz darauf. Bei Veranstaltungen wie der Fuck-up Night erzählen sie von ihren Pleiten – um das Publikum zu unterhalten. "Gründer lernen durch das Scheitern ihre Schwachstellen kennen, um es beim nächsten Mal besser zu machen", sagt Anna Abraham. Eine Garantie, dass es dann wirklich gelingt, gibt es aber nicht.