Promotion geht eigentlich nur an Unis. Doch es gibt erste Kooperationen mit Fachhochschulen, deren Absolventen endlich auch einen Doktor machen wollen.

ZEIT Campus: Herr Schinke, kann man an einer Fachhochschule einen Doktor machen?  

Bernd Schinke: Im Moment geht das nur in Kooperation mit den Unis, die noch immer das alleinige Promotionsrecht haben. In Baden-Württemberg gab es vor Kurzem eine Gesetzesänderung, in Hessen immerhin schon mal einen Entwurf. Umgesetzt ist davon noch  nichts. Aber an etlichen Hochschulen für Angewandte  Wissenschaften, besser bekannt als Fachhochschulen, forschen schon heute Doktoranden in den Labors.

ZEIT Campus:  Wie kommen solche Kooperationen  zustande?

Schinke: Erst einmal sind so gut wie alle, die  an den Fachhochschulen forschen, auch Absolventen von dort. Ich kenne keinen einzigen Uni-Absolventen, der an einer Fachhochschule promoviert. Aber es gibt inzwischen schon gemeinsame Promotionskollegs von Unis und Fachhochschulen. Und mittlerweile sitzen auch in einigen Prüfungsausschüssen an Unis Fachhochschul-Dozenten. 

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/15.

ZEIT Campus: Der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, hat kürzlich gesagt, Fachhochschul-Professoren hätten keine Zeit, Doktoranden zu betreuen, und forschten kaum.

Schinke: Im statistischen Mittel hat Herr Kempen natürlich recht: Die Institute sind kleiner, es gibt so gut wie keinen Mittelbau mit wissenschaftlichen Angestellten, und die Lehrverpflichtungen sind doppelt  so hoch. Außerdem gibt es weniger Drittmittel, und es  wird weniger veröffentlicht. Aber das sagt nichts über  den Einzelfall aus. Schauen Sie auf die Forschungslandkarte der Hochschulrektorenkonferenz! Da gibt  es durchaus Kollegen an Fachhochschulen, die mehr  Drittmittel und Veröffentlichungen vorzuweisen haben  als der durchschnittliche Uni-Professor. Außerdem gibt es für forschungsstarke Professoren auch Wege, wie sich  ihre Lehrverpflichtungen reduzieren lassen. 

ZEIT Campus: Würden Sie FH-Absolventen empfehlen an einer Fachhochschule zu promovieren? 

Schinke: Das kommt ganz drauf an. Die meisten Unis verlangen von Fachhochschul-Bewerbern zusätzliche Leistungsnachweise und Gutachten, die sie  von ihren eigenen Absolventen nicht verlangen. Das schreckt viele ab. Sind aber erst einmal die formalen  Hürden genommen, dann gibt es während der Promotion fast keine Probleme mehr. An den Fachhochschulen kann man einen solchen Spießrutenlauf vermeiden. Zudem ist es immer einfacher, an der Heimathochschule zu bleiben, wo man das Laborumfeld kennt und  nicht mit Skepsis beäugt wird.

ZEIT Campus: Wie viele promovieren denn überhaupt  an Fachhochschulen?

Schinke: Laut aktuellen Zahlen der Hochschulrektorenkonferenz sind etwa 300 der 25.000 abgeschlossenen Promotionen pro Jahr von Fachhochschul-Absolventen. Da sind noch viele Hürden in den Köpfen.

ZEIT Campus: Würden Sie auch einem Uni-Absolventen zur Promotion an einer Fachhochschule raten?  

Schinke: Jein. Für Leute, die nicht in die  Forschung wollen und eher eine Führungsposition in  der Industrie anstreben, empfiehlt sich die anwendungsorientierte Forschung an einer Fachhochschule durchaus. Nehmen Sie die Ingenieure: 84 Prozent der Promovierten arbeiten später außerhalb der Wissenschaft. Meinen eigenen Kindern, die an der Uni studieren, würde ich aber zur Vorsicht raten: Weil die Anzahl  der Promotionen noch so gering ist, sollten sie genau  hinschauen, wie das Forschungsumfeld jeweils aussieht,  ob es etwa genug Ansprechpartner gibt. Aber genau hinschauen gilt natürlich auch bei den Unis.