Eigentlich sollen Unis Orte der Freiheit sein. Trotzdem fühlen sie sich manchmal eng, klein und provinziell an. Ein Plädoyer gegen ungeschriebene Gesetze

Wo gibt es die langweiligsten Partys der Welt? In Hollywood. Und wo die langweiligsten Uni-Partys? In Harvard. So schildert es zumindest die britische Schriftstellerin Zadie Smith. "Es wird wenig getrunken und noch viel weniger gegessen", schreibt sie in einem Essay in ihrem neuen Buch Sinneswechsel. Zwar gebe es einen Pool, doch niemand springe besoffen vom Beckenrand. Zwar laufe Musik, aber niemand traue sich zu tanzen. Die Atmosphäre sei so steif, dass man sich fast so vorkomme "wie auf einer goldenen Hochzeit, bei der keiner das glückliche Paar ausmachen kann".

Am schlimmsten müssen auf diesen Partys die Gespräche sein. Da tummeln sich in Harvard zwar einige der gebildetsten Menschen der Welt, da stehen in Hollywood Jetsetter, die um die halbe Welt gereist sind. Trotzdem sprechen alle "vollkommen selbstreferentiell", so Smith: "In Hollywood reden die Leute über Hollywood, so wie sie in Harvard über Harvard reden." Es herrsche eine "große Angst vor der Albernheit", schreibt Smith. "Alle achten sorgsam darauf, ja nichts zu sagen, womit sie sich eventuell lächerlich machen könnten."

In der ganzen Welt träumen Menschen davon, nach Los Angeles oder nach Greater Boston zu kommen und in die exklusiven Kreise dieser Metropolen vorzudringen. Doch wenn man das geschafft hat, so wie Zadie Smith, dann merkt man: Es ist dort nicht aufregender als beim Kaffeeklatsch im Dorfgemeinschaftshaus, wo auch nur über die Nachbarn geredet wird und der Blick nicht weiter reicht als bis zum hinteren Ende des Kartoffelackers.

Dazugehören, wie geht das? (Teil 1)

Do: Kefir und Kombucha züchten, eine Kompost-Wurmbox für den Balkon zimmern, einkaufen mit eigenem Stoffbeutel, im Brotaufstrich-Tauschclub mitmachen.
Don't: Müll beim Picknick liegen lassen, ekliges Fertigessen wie zum Beispiel Salami von Ja!, überall mit dem Auto hinfahren.
Laura Koch, 25, Studiengang Landschaftsnutzung und Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde

Eine ähnliche Erfahrung wie Zadie Smith in Harvard machen viele, die zum ersten Mal an die Uni kommen. Diesen Herbst sind wieder Tausende vom Land in die Städte gezogen, dorthin, wo die großen Hochschulen sind. Viele kommen nicht nur wegen der renommierten Professoren oder der guten Platzierung im Uni-Ranking, sondern auch, weil sie Freiheit suchen, weil sie Neues erleben möchten, weil sie nach zwölf oder dreizehn Jahren Schule rauswollen aus der Enge des Immergleichen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/15.

"Stadtluft macht frei", hieß es im Mittelalter. Wenn sich ein Leibeigener vom Land in die Stadt retten und dort ein Jahr und einen Tag überleben konnte, galt er als freier Mensch. Heute könnte man sagen: auch Uni-Luft verspricht Freiheit. Wer sich aus der geistigen Enge in die Hochschule retten kann und dort ein paar Semester übersteht, bekommt nicht nur einen Abschluss, sondern lernt eine ganz neue Art zu denken. So weit die Theorie.

Doch oft fühlt sich die Uni für Neuankömmlinge selbst an wie ein kleines, piefiges Dorf, in dem jeder die gleichen Trachten tragen und denselben Dialekt sprechen muss, um dazuzugehören. Muss das so sein?