ZEIT Campus: Die Jobsuche macht viele Studenten nervös. Ist ihre Zukunftsangst berechtigt?

Choni Flöther: Nein, Hochschulabsolventen finden in Deutschland gut in den Beruf. Für die allergrößte Mehrheit zahlt sich ein Studium auch später auf dem Arbeitsmarkt aus. Das heißt: Fast alle bekommen einen Job, und der überwiegende Teil arbeitet auch in einem Bereich, der nahe am studierten Fach liegt. Also: Kein Grund zur Panik!

ZEIT Campus: Gilt das auch für Geisteswissenschaftler, die auf dem Arbeitsmarkt nicht so begehrt sind wie Ingenieure?

Flöther: Im Prinzip schon. Das zeigen die Absolventenstudien, die wir hier am Incher-Institut in Kassel koordinieren. Dafür laden 60 bis 70 Hochschulen ihre Absolventen zu einer Onlinebefragung ein. Dabei geht es um deren berufliche Situation anderthalb Jahre nach dem Abschluss. Zwar suchen ungefähr zehn Prozent der Geisteswissenschaftler länger als ein Jahr einen Job, und bei Historikern betrifft das sogar jeden fünften. Aber die Befragungen zeigen auch, dass die Mehrheit der Geisteswissenschaftler bereits in den ersten Monaten nach dem Abschluss einen Job findet.

ZEIT Campus: Nehmen die aus Verzweiflung eine Stelle an, die ihnen nicht gefällt?

Flöther: Viele Berufseinsteiger müssen am Anfang Abstriche machen. So bekommt zum Beispiel ungefähr die Hälfte nur einen befristeten Vertrag, bei den Geisteswissenschaftlern sind es sogar drei Viertel der Absolventen. Das ändert sich aber nach den ersten Jahren im Beruf – oft ist schon der Anschlussvertrag unbefristet.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Campus: Das klingt so, als hätten Absolventen keinen Grund zu klagen.

Flöther: Trotz der größtenteils positiven Zahlen: Ganz optimal ist die Situation sicherlich nicht. Nur knapp zwei Drittel der Berufseinsteiger sind zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer beruflichen Situation. Bei den Geisteswissenschaftlern ist es sogar nur die Hälfte. Das liegt vor allem an der Unsicherheit, die durch befristete Verträge entsteht, oder an einem geringen Gehalt.

ZEIT Campus: Worauf muss man sich bei der Bezahlung einstellen?

Flöther: Das Gehalt ist vielleicht nicht bei allen Einsteigern berauschend. Im Durchschnitt verdienen Geisteswissenschaftler bei ihrem ersten Job 2.200 Euro brutto im Monat, aber das steigt in den ersten paar Jahren im Beruf deutlich an. Schon anderthalb Jahre nach dem Einstieg liegt das Monatsgehalt im Schnitt um fast 300 Euro höher. Klar ist aber auch: Das Gehalt hängt extrem von der Branche ab. Wenn man als Geisteswissenschaftler in der Industrie arbeitet, verdient man natürlich besser als ein Doktorand an der Uni oder in der Kulturbranche.

ZEIT Campus: Muss jeder Einsteiger in Kauf nehmen, für einen Job die Stadt zu wechseln?

Flöther: Tatsächlich müssen Hochqualifizierte etwas breiter suchen als andere Arbeitnehmer. Nicht an jedem Hochschulstandort gibt es zum Beispiel Technologiefirmen oder Medienhäuser. Über die Hälfte der Absolventen zieht nach dem Studium in eine andere Region.

ZEIT Campus: Weil sie in ihrer Stadt keine passende Stelle finden?

Der Job ist der häufigste Grund für einen Umzug, noch wichtiger als der Partner.
Choni Flöther, Absolventforscherin

Flöther: Ja, der Job ist der häufigste Grund für einen Umzug, noch wichtiger als der Partner oder die Familie. Unklar ist, ob eher die Leute umziehen, die es schwer auf dem Arbeitsmarkt haben, oder diejenigen, die besonders erfolgreich sind. Das fragen wir nicht ab. Da für viele Absolventen nach dem Studium ein neuer Lebensabschnitt beginnt, ist ein Umzug zu diesem Zeitpunkt nicht unüblich.

ZEIT Campus: Angenommen, man gehört zu der Gruppe, die länger sucht als ein paar Monate: Welche Alternativen bleiben?

Flöther: Bei Fächern, die keinen geradlinigen Berufseinstieg bieten, machen sich Absolventen häufiger selbstständig. Für viele Geisteswissenschaftler ist das zwar nicht das favorisierte Ziel nach dem Abschluss, aber eine gute Alternative, wenn es mit einer regulären Anstellung nicht sofort klappt.

Nicht jeder Absolvent kann sich selbstständig machen. In manchen Fächern bietet es sich an zu promovieren. Da wären wieder die Historiker ein Beispiel. Dass Geisteswissenschaftler aber nur promovieren, um dem Arbeitsmarkt zu entkommen, ist falsch. Häufig legen Arbeitgeber in diesem Bereich sogar Wert auf eine Promotion. Das ist bei den Geisteswissenschaftlern vielleicht nicht so extrem wie bei Chemikern oder Physikern, aber an höhere Positionen in Museen zum Beispiel kommt man ohne den Doktortitel kaum ran.

ZEIT Campus: Oder man bleibt nach der Promotion gleich in der Wissenschaft?

Flöther: Gerade für Geisteswissenschaftler ist eine Karriere in der Wissenschaft vergleichsweise attraktiv, weil es nicht ganz so viele Alternativen gibt, um in der Privatwirtschaft fachnah zu arbeiten. In der Wissenschaft sind die Beschäftigungsbedingungen jedoch häufig schwierig: Befristungen oder Teilzeit sind für Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter ein Dauerthema, auch der Verdienst steht oft in keinem guten Verhältnis zum zeitlichen Aufwand. Momentan sehe ich leider auch keine Tendenz, dass sich daran in den nächsten Jahren etwas ändert.

ZEIT Campus: Sollte man notfalls bereit sein, auch nach dem Studium Praktika zu machen?

Flöther: Leute, die von Praktikum zu Praktikum wandern, sind die absolute Ausnahme. Anderthalb Jahre nach dem Abschluss arbeiten nur noch zwei Prozent der Absolventen in einem Praktikum. Diese sind vor allem während des Studiums wichtig, einerseits um sich beruflich zu orientieren, andererseits aber auch wegen der Kontakte.

ZEIT Campus: Muss man als Einsteiger denn unbedingt netzwerken?

Flöther: Für mich ist überraschend, dass der häufigste Weg in den Beruf tatsächlich die klassische Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle ist. Es stimmt also nicht, dass man immer Kontakte spielen lassen muss, um an eine Stelle zu kommen. Natürlich ist das Netzwerk zum Beispiel für Kreative wichtiger als für einen Ingenieur. Gerade die Kontakte, die man über einen Nebenjob während des Studiums aufgebaut hat, sind hilfreich, wenn man sich längerfristig bewährt hat. Aber dass man dann darüber direkt eine Einstiegsstelle bekommt, ist eher selten. Fast überhaupt keine Rolle spielt übrigens der ominöse Onkel, der da jemanden kennt.