Die Professorin Ulrike Auga lebte auf vier Kontinenten. Hier erzählt sie, wie man sich überall eingewöhnen kann.

ZEIT CAMPUS: Frau Auga, Sie haben in Johannesburg, Berlin, Bamako, Porto Alegre, New York, Jerusalem, Brandenburg an der Havel und im englischen Cambridge gelebt. Wo war es am schönsten?

Ulrike Auga: Da kann ich mich wirklich nicht entscheiden. Ich habe in Cambridge studiert und fand es sehr beschaulich dort, mit all den schönen neugotischen Universitätsgebäuden. Zuletzt hatte ich eine Professur in New York. Die Stadt schläft wirklich nie.

ZEIT CAMPUS: Wie haben Sie New York erlebt?

Auga: Die Straßen sind zu jeder Uhrzeit voll mit Menschen. Es gibt keine Ladenschlusszeiten. Auch die Uni-Bibliothek hat sieben Tage die Woche 24 Stunden lang geöffnet. Vor allem das Kulturangebot ließ mich nie zur Ruhe kommen. Ständig gab es irgendeine Galerie-Eröffnung. Ich war häufig in Ausstellungen und hatte auch eine Dauerkarte für das Museum of Modern Art.

ZEIT CAMPUS: Wie schafft man es, sich an neuen und ungewohnten Orten wohlzufühlen?

Auga: Jeder Ort gibt eine gewisse Dynamik vor: Cambridge ist ruhig, New York ist hektisch. Ich versuche immer, mich dem Rhythmus des Ortes anzupassen. Es ist hilfreich und spannend, sich komplett auf die Region, in der man lebt, einzulassen. So gewöhne ich mich eigentlich überall in kurzer Zeit ein. In New York habe ich mich keine Sekunde "fremd" gefühlt. Aber das liegt auch daran, dass täglich so viele neue Menschen in die Stadt strömen. Die Leute sind überaus hilfsbereit, man kommt schnell miteinander ins Gespräch.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber 2/2015, der am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT CAMPUS: Sie waren in New York an der Columbia University, wie fanden Sie die Lehre?

Auga: Mir ist aufgefallen, dass die Studierenden dort besser wissenschaftlich schreiben können als an deutschen Universitäten. Einfach weil sie es mehr trainieren. Im freien Sprechen, etwa bei kurzen Vorträgen, sind sie hingegen nicht so geübt. Es gibt natürlich auch andere Themen in den Seminaren als in Deutschland. Wenn Studierende dort über Diskriminierung sprechen, meinen sie zuerst die ungleiche Behandlung schwarzer Amerikanerinnen und Amerikaner und der "Native Americans" und nicht die der deutschtürkischen Menschen.

ZEIT CAMPUS: Wie wichtig ist der Ort für die akademische Laufbahn?

Auga: Wenn man eine akademische Karriere anstrebt, sollte man versuchen, an die renommierten Universitäten zu gehen, dort hat man ganz andere Möglichkeiten. Sie sind nicht nur gut ausgestattet, sondern bieten oft auch eine bessere Lehre an. In New York durfte ich zum Beispiel Judith Butler, Janet Jakobsen und Cornel West persönlich kennenlernen. Das sind Popstars in meinem Fach der Gender- beziehungsweise postkolonialen Studien. Wenn Studierende die Chance haben, nicht nur die Bücher solcher Persönlichkeiten zu lesen, sondern sogar von ihnen unterrichtet zu werden, ist das unbezahlbar. An bestimmten Orten kommt man zudem auch an besondere Materialien und in Archive, die vielleicht nur dort zugänglich sind. In Cambridge kam es schon mal vor, dass eine Professorin eine jahrhundertealte seltene Handschrift, die sonst unter Verschluss ist, mit ins Seminar brachte – einfach weil sie zum Bibliotheksbestand des Colleges gehörte.

ZEIT CAMPUS: Wie gefiel Ihnen Ihr Studium in Cambridge, dieser relativ kleinen Stadt?

Auga: In Cambridge hatte ich zwar einen großen akademischen Input, und ich kam mir auch sehr behütet vor. Im mittelalterlichen College war der Weg bis zum Seminarraum nicht weit von dem Gebäude, in dem sich mein Zimmer befand. Ich sah in meiner Zeit dort oft nur die Mitstudierenden. In New York oder Berlin, wo ich heute unterrichte, sehe ich schon morgens Obdachlose, was mich auf die sozialen Probleme in der Gesellschaft aufmerksam macht. In Berlin stelle ich mir daher viel eher die Frage, ob ich mit meiner Lehre gesellschaftlich auch etwas verändern kann, als im homogenen und exklusiven Cambridge.