Noch zu Hause wohnen oder Miete zahlen lassen? Die Eltern unserer Autorin kümmern sich immerhin nur um Haftpflicht und Tierpatenschaft. Zeit, endlich erwachsen zu werden.

Mein Alter schwankt zwischen 47 und zwölf. Ungefähr 47 Jahre alt fühle ich mich, wenn ich von Teenagern gesiezt werde oder nach einer langen Nacht, in der ich durcheinander getrunken habe. Zwölf bin ich, wenn ich maschinell erstellte Briefe bekomme mit Sätzen wie: "Bei Nichtbeachtung dieser Mahnung sind wir gezwungen, auf Ihre Kosten die Vollstreckung durchzuführen, z.B. die Pfändung von Sachen und des Bankkontos."

Mahnungen lassen mich klein und nichtsnutzig fühlen, eigentlich alle Schreiben im verklausuliertem Behördensprech: Versicherungsunterlagen, Krankenkassenbriefe, Post vom Finanzamt. Bereits nach den ersten Zeilen läuft mein Gehirn auf Vollgas im Leerlauf, qualmt vor Anstrengung, aber verweigert Mitarbeit. Alle Gedanken sind wie ausgelöscht, außer einem: Kann bitte jemand einen Erwachsenen rufen?

Mir ist schon klar, dass ich jetzt dieser Erwachsene sein sollte. Und ich tue mein Bestes: Ich zahle meine Rechnungen und Steuern selbst, wenn auch nicht immer pünktlich. Aber als meine Haftpflichtversicherung nach Studiumsende nicht mehr über meine Eltern lief, und sie anboten, sich um einen neuen Vertrag zu kümmern, sagte ich nicht nein. Außerdem zahlen meine Eltern noch die Tierpatenschaft für eine Meeresschildkröte. Die hatte ich in der fünften Klasse erbettelt, ohne darüber nachzudenken, dass es ein recht schlechter Deal für lebenslange Verantwortung ist.

Das ist vergleichsweise wenig Hilfe. Ich kenne Gleichaltrige, deren Eltern das Auto oder die Miete bezahlen. Sogar welche, die noch bei ihnen wohnen. Laut dem Mikrozensus 2011 tun das 29 Prozent der 25-Jährigen, und zehn Prozent der 30-Jährigen. Viele Eltern unterstützen den Nachwuchs auch nach dem Studium finanziell – oder zumindest mit Rat und offenem Ohr.

Auch ich weiß die Handynummer meiner Eltern auswendig und wähle sie oft, wenn ich Auskunft über ein Rezept brauche oder einen gruseligen Ausschlag. Wenn ich Geldsorgen hätte, würde ich sie auch zuerst anrufen. Die meisten Eltern, die ich kenne, greifen ihren Kindern bereitwillig unter die Arme, selbst wenn sie selbst schneller auf eigenen Beinen standen. Ihre Lebensläufe waren geradliniger: Schule, Studium, Berufseintritt. Heutige Biografien kurven am unsicherem Arbeitsmarkt herum auf der Suche nach der Entfaltung des eigenen Ichs: Schule, Studium, anderes Studium, Auslandsjahr, Praktika, befristeter Vertrag.

Frühe finanzielle Unabhängigkeit ist heute schwieriger: Eine Studie des Guardian zu Gehältern in westlichen Ländern zeigt: Wer zwischen 1980 und Mitte der neunziger Jahre geboren wurde, hat in der Regel weniger verfügbares Einkommen als der Durchschnitt seines Landes: 25- bis 29- Jährige hierzulande haben zum Beispiel sieben Prozent weniger als der Durchschnittsdeutsche. Das war nicht immer so: Vor 20 Jahren blieb jungen Deutschen mehr von ihrem erarbeiteten Geld übrig als dem Landesschnitt.

Es sind nicht nur Hilfstätigkeiten, die ich abwälze. Es ist auch Verantwortung.

Das Gute ist: Das Verhältnis zwischen den Generationen ist meistens gut. Sind Studenten in den Sechzigern gegen ihre Eltern auf die Straßen gegangen, schickt man sich heute Emojis im Familienchat und fährt auch mal zusammen in den Urlaub, wie Freunde. Und Freunden hilft man eben gern.

Meinen Eltern macht es nichts aus, meine Schildkröte und die Versicherung zu bezahlen. Aber es sind nicht nur Hilfstätigkeiten, die ich an sie abwälze. Es ist auch Verantwortung. Ich kann mir nicht immer nur die Kirschen der Selbständigkeit herauspicken und die Alten den langweiligen Rest machen lassen. Sonst bleibt dieses Gefühl zwölf zu sein für immer da.

Ich habe also die Tierpatenschaft auf mich umschreiben lassen und die Haftpflichtversicherung. Als ich den Vertrag lese, ist der leere Kopf wieder da. Das Kleingedruckte. Die sperrigen Substantive: Obliegenheiten, Versicherungsvertragsgesetz, Informationspflichtenverordnung.

Ich bin kurz davor, meine Eltern anzurufen, lasse es aber sein. Was ich kann, will ich selbst machen. Aber wenn ich wirklich in der Klemme stecke, werde ich sie um Hilfe bitten. Warum auch nicht? Meine Eltern sind mir nahe Menschen, mit denen ich hoffentlich 50 bis 60 Jahre teilen werde. Es wir nicht viele Beziehungen geben, die mich länger durchs Leben begleiten. Außer der mit der Patenschildkröte.