Freunde sind ein warmes Bett, eine heiße Suppe, eine gute Idee, ein schlechter Witz, ein vergessenes Darlehen, ein geliehenes Paar Schuhe. Freunde sind die neue Familie.

Meine Freundin dachte letztens, ich hätte in einem Magazintext mit ihr Schluss gemacht. Wir saßen in einer Bar, Samstagabend, halb eins, schon ziemlich betrunken. Wir hatten um sieben angefangen, mit viel zu vollen Gläsern Wein, eins, zwei, drei, sie fünf, weshalb ich das Auto vom Restaurant vor ihre Haustür fuhr. Wie immer lief dieselbe CD, No Church in the Wild, Kanye West und Jay-Z, Sonnenallee, Fenster runter: 

"Nicht so schnell, wir werden noch erwischt!" 

"Anni, das ist Neukölln, wer langsam fährt, wird hier erwischt!"

Auto abgestellt, in die Bar gegenüber ihrer Wohnung. Sie heißt Enten und Katzen oder Mäuse und Hunde oder Störche und Elstern, Berliner Bar eben. Mit vier Vorteilen: Rauchgebot, Gin Tonics für fünf Euro, keine Bekannten und hinter der Theke arbeitet immer derselbe Junge, Typ "Ich bin zu schüchtern, um in den Spiegel und meiner eigenen Schönheit ins Gesicht zu sehen". Halb eins, wir reden darüber, wie sie mich letztens versetzt hat.

"Ja, war nicht so geil."

"Weiß ich. Tut mir leid. Mir ging's einfach nicht so gut."

"Und ich musste ja auch umziehen und die neue Bude war so schrecklich. Du warst mein einziger Lichtblick an dem Tag!"

"Aber das konnte ich doch nicht wissen! Wieso hast Du nicht einfach angerufen?"

"Keine Ahnung …"

"Und dann meldest du dich fünf Tage nicht und ich lese diesen Neon-Artikel von dir. Und da stand drin, dass man sich von Menschen, die einem nicht guttun, trennen muss, und zwar besser jetzt als gleich."

"Ach so! Oh Gott! Nein! Ich will mich nicht von dir trennen!"

Darauf einen Mexikaner. Taxi!

Trennungsangst

Anna dachte, ich will mit ihr Schluss machen. Dabei sind wir gar kein Paar. Anna und ich sind beste Freundinnen. Oder liebste Freundinnen. Oder wie man das eben nennt, wenn man nicht mehr nur eine beste Freundin hat, die zufällig nebenan wohnt, sondern zwei oder drei oder vier sehr liebe Freundinnen, die alle in anderen Städten leben.

Anna hatte Trennungsangst. Ein Gefühl, das eigentlich Menschen vorbehalten ist, mit denen man formal zusammen ist. Aber vielleicht ist das, was Anna und ich haben, dem nicht so unähnlich. Ich glaube, Anna und ich führen eine Beziehung. Als Freundinnen. Und ich glaube, wir sind nicht die Einzigen.

Freunde sind heute nicht mehr nur noch Kartenfreunde, Kegelfreunde, Partyfreunde, Tennisfreunde. Das Mehrgenerationenhaus von früher gibt es nicht mehr, das Mehrgenerationenhaus von heute gibt es nur auf Plakaten der Wohnungsbaugesellschaft. Wenige wohnen heute noch mit Ende 20 mit Mama, Papa, Oma, Onkel, Cousine unter einem Dach oder auch nur in derselben Stadt. Oft trennen uns Hunderte von Kilometern von unseren Familien. Und seit sich immer mehr junge Menschen von der Diktatur der Zweisamkeit befreien (der häufigste Haushaltstyp in Deutschland ist die Singlewohnung) und sich für ein Leben allein entscheiden oder einfach allein leben, sind Freunde nicht mehr nur Freizeitfüller und Ersatzkummerkasten.

Freunde sind die neue Familie. Und vielleicht hat die Freundschaft von heute sogar die Chance, die größte Liebesbeziehung im Leben zu werden.

Über Bar und Hocker

Freundschaften, die ein Leben lang halten, gab es schon immer. Vom einen zum anderen Sandkasten. Die meisten Freundschaften halten viel länger als die Lieben, die wir gemeinhin als Liebe unseres Lebens bezeichnen. Sie überdauern mit ein bisschen Disziplin auch die weitesten Distanzen, weil wir von unseren Freunden nicht so viel Aufmerksamkeit erwarten wie von unseren Partnern und mit ihnen auch nicht so hart ins Gericht gehen, weil wir nicht jede Verfehlung als Angriff verstehen, was in Liebesbeziehungen vielleicht zu den meisten Missverständnissen führt.

Mit Freunden kann man über Stock und Stein oder eben über Bar und Hocker. Wenn einer auf dem Weg an ein fremdes Paar blaue Augen verloren geht, dann wird nicht gemeckert, sondern gefeiert. Was gibt es Schöneres, als seine beste Freundin in ein Abenteuer stürzen zu sehen, das sie dann in schönster Frischverliebtheitsbessesenheit en détail mit einem teilen wird?