Let's talk about money

Die Alten werden reicher, die Jungen kommen nicht hinterher. Kein Wunder, wenn niemand übers Gehalt spricht. Über ein sehr deutsches Problem

65 müsste man sein. Man hätte nicht nur viel freie Zeit, sondern auch das Geld, sie sinnvoll zu nutzen. Das geht aus Zahlen des Thinktanks Luxembourg Income Study (LIS) hervor, die der britische Guardian kürzlich veröffentlicht hat. Die Auswertung zeigt: In Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien sind die Haushaltseinkommen der 25- bis 29-Jährigen demnach unterdurchschnittlich, die der 65- bis 74-Jährigen überdurchschnittlich gestiegen. Die junge Generation wird relativ zu den Rentnern immer ärmer.

Diese Entwicklung läuft bereits seit Jahrzehnten. "Es ist wahrscheinlich das erste Mal in der Geschichte der industrialisierten Welt – mit Ausnahme von Krieg und Naturkatastrophen –, dass die Einkommen von jungen Erwachsenen so weit hinter die der restlichen Gesellschaft zurückfallen", schreibt der Guardian.

Zahlen helfen

Und es sieht nicht so aus, als würde sich das ändern. Die Reallöhne entwickeln sich seit Jahren kaum nach oben, die historisch niedrigen Zinsen machen es schwer, auf andere Art Vermögen aufzubauen. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass die Generation Y, wie man uns 20- bis 35-Jährige nennt, nicht nur heute weniger hat, sondern auch in Zukunft.

Deshalb sollten wir mal reden. Über Geld. Und zwar nicht mit irgendwem, sondern miteinander. Denn der erste Schritt, ein Problem zu lösen, ist die ehrliche Bestandsaufnahme. Dazu gehört die Frage: Was kann ich mit meiner Ausbildung verdienen? Ebenso wichtig: Verdiene ich genug? Und was verdienen eigentlich Freunde und Kollegen, die genauso alt sind wie ich?

Zahlen helfen. Für Berufseinsteiger sind sie die bestmögliche Vorbereitung auf die erste Gehaltsverhandlung. Denn wer sie führt, ohne zuvor eine grobe Idee der Verdienstmöglichkeiten zu haben, ist im Nachteil. Die Gefahr ist groß, dass er sich unter Wert verkauft.

Bei allen Gehaltsverhandlungen ist entscheidend, welche Summe als Erstes genannt wird, wie Forscher der Uni Mannheim herausgefunden haben. Es ist ein sogenannter Ankerpunkt, von dem aus sich das Gespräch entwickelt. Wenn man weiß, was ehemalige Kommilitonen in vergleichbarer Position verdienen, kann der richtige Anker helfen, nicht zu niedrig einzusteigen. 

Keine seriösen Daten

Klar, man kann sich zu jedem möglichen Beruf auch mit ein paar Klicks Gehaltsstatistiken herbeigooglen. Aber deren Wahrheitsgehalt ist begrenzt. Woher die Daten stammen, wird nicht immer offengelegt, fraglich ist, ob statistisch sauber gearbeitet wurde, also zum Beispiel eine aussagekräftige Stichprobe zugrunde liegt. Werden Gehaltsspannen angegeben, liegen die Extremwerte regelmäßig um 10.000 Euro auseinander. Als Grundlage für ein Gehaltsgespräch ist das nicht optimal.

Das von der Hans-Böckler-Stiftung finanzierte Projekt Lohnspiegel verspricht als einzige Datenbank, frei von kommerziellen Interessen zu sein. Doch auch dort gibt es nicht nur aussagekräftige Zahlen. "Transparenz ist wichtig, aber seriöse Daten sind schwer zu finden. Bei uns bekommt man zwar Orientierung, aber auch unsere Schätzungen sind je nach Beruf von der Wahrheit mehr oder weniger weit entfernt", sagt Heiner Dribbusch, der den Lohnspiegel erstellt.

Transparenz kann befreien

Was am Ende auf dem Lohnzettel steht, hängt von der Betriebsgröße ab, von der Region, in der man arbeitet, von der Branche und auch davon, ob man als Trainee einsteigt oder direkt auf eine vollwertige Stelle. Bei Studienfächern, die auf sehr viele unterschiedliche Berufe vorbereiten, wie etwa Betriebswirtschaftslehre oder Jura, sei es noch schwerer, eine allgemeine Aussage zu treffen, was man als Berufseinsteiger verdient, sagt Dribbusch.

Das Glück hängt nicht davon ab, ob das Gehalt außerordentlich hoch ist.

Weil es sonst kaum zuverlässige Hinweise gibt, ist das vertrauliche Gespräch mit Freunden oder Kollegen eine der besten Informationsquellen. Angst vor Abmahnungen muss man nicht haben, denn in der Regel dürfen Arbeitnehmer ihre Gehälter untereinander vergleichen, schreibt Arbeitsrechtsanwalt Ulf Weigelt in seiner ZEIT-ONLINE-Kolumne. Ein offener Umgang mit dem eigenen Gehalt macht es Arbeitgebern auch schwerer, Kollegen bei den Verhandlungen gegeneinander auszuspielen. Für Berufseinsteiger wird Solidarität in Form von Lohntransparenz auch aus Selbstschutz zur Pflicht.

Doch das ist leicht gesagt in einem Land, in dem über Geld ungern gesprochen wird. Laut einer Studie der Postbank wird nirgendwo auf der Welt weniger über Geld geredet als in Deutschland. Für knapp 64 Prozent der Deutschen ist es ein Tabuthema. Der Psychologe Stephan Grünewald diagnostizierte im Interview mit ZEIT ONLINE eine "Mischung aus Neid, Schuld und Scham", wenn es hierzulande um das eigene Gehalt geht.

Transparenz kann befreien. Denn das Glück hängt gar nicht so sehr davon ab, ob das eigene Gehalt außerordentlich hoch ist. Viel wichtiger ist ein Gefühl von fairer Verteilung. Deshalb ist für die eigene Zufriedenheit vor allem der Vergleich mit Gleichgestellten entscheidend, wie Forscher um David Card von der Universität Berkeley herausgefunden haben. Unzufrieden mit Job und Gehalt sind besonders die, die weniger verdienen als die unmittelbaren Kollegen.

Da es in Deutschland keine Transparenzpflicht für Gehälter gibt, will ZEIT Campus ONLINE einen Beitrag zur Verdienstverständigung leisten. In unserer SerieDas anonyme Gehaltsprotokoll nennen wir regelmäßig das erste Gehalt von ganz normalen Berufseinsteigern. Sie erzählen anonym, wie sie ihren Verdienst ausgehandelt haben und mit wem sie darüber gesprochen haben. Let’s talk about money.