ZEIT Campus ONLINE: Und dann? 

Svetlana: Ich schrieb ihr, dass ich gerade ein Praktikum mache, und fragte, ob sie mir das Feedback nicht per E-Mail schicken könne. Sie antwortete: "Nein, das geht nicht, komm bitte, sobald Du Zeit hast." Ich bin nie hingegangen. Die Note war ja schon eingetragen.

ZEIT Campus ONLINE: Hast du noch eine zweite Hausarbeit schreiben lassen?

Svetlana: Ja, für einen Kurs bei einem anderen Dozenten. Dafür bekam ich eine 2,3 und Feedback per E-Mail. Eine weitere Arbeit habe ich selber geschrieben, irgendwie hat das geklappt, aber ich hätte mich fast umgebracht. Jetzt schreibe ich seit einem Jahr an meiner Bachelorarbeit.

ZEIT Campus ONLINE: Die lässt du nicht von einem Ghostwriter schreiben?

Svetlana: Nein. Erstens wäre es teuer. Zweitens ist eine Bachelorarbeit schon eine Verantwortung. Ich dachte: Das musst du selber machen.

ZEIT Campus ONLINE: Was treibt dich jetzt an? Ehrgeiz?

Svetlana: Ach nein, nicht Ehrgeiz. Ich weiß nicht, irgendwie das Gefühl, dass ich vielleicht bestraft würde. Wir haben ein Bachelor-Kolloquium, da sprichst du viel mit dem Dozenten, der kennt dich ja auch, deswegen wäre es riskanter, die Arbeit nicht selbst zu schreiben.

ZEIT Campus ONLINE: Und danach? Machst du noch einen Master?

Svetlana: Nein, ich habe keine Lust mehr. Ich möchte mein Studium beenden und etwas anderes machen. Ich dachte, im Studium würde man auch praktisch arbeiten. Stattdessen gab es nur Theorie, Theorie, Theorie.

ZEIT Campus ONLINE: War es ein Fehler, ein Studium in Deutschland zu beginnen?

Svetlana: Ich würde auf keinen Fall noch einmal dasselbe studieren. Ich habe ein paar Jahre verloren, weil die schriftlichen Arbeiten mich aufgehalten haben.

ZEIT Campus ONLINE: Und die Entscheidung, jemand anderen schreiben zu lassen?

Svetlana: Das war eine gute, eine richtige Entscheidung. Es hat sich gelohnt.

"Es war nicht reine Faulheit"

Johannes hat mehrere Hausarbeiten und seine Bachelorarbeit von einem Ghostwriter schreiben lassen. Auch er fand ihn über private Kontakte. Der 29-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt, studierte Politikwissenschaft und Psychologie an einer süddeutschen Hochschule. Johannes bekam den Bachelorabschluss und arbeitet heute als Softwareberater in internationalen Projekten.

ZEIT Campus ONLINE: Wieso warst du bereit, für Studienleistungen zu zahlen?

Johannes: Es war gar nicht teuer! Ich habe pro Hausarbeit 200 Euro gezahlt. Damals war ich Barkeeper in einer Touri-Saufkneipe, da habe ich an einem Freitagabend mit Trinkgeld locker 20 Euro pro Stunde verdient. Wenn es gut lief, auch mehr. 200 Euro waren also wirklich günstig. Das war der Anreiz, das mal auszuprobieren.

ZEIT Campus ONLINE: Hattest du keine Angst, mit der Arbeit des Ghostwriters erwischt zu werden?

Johannes: Nein, da hatte ich keine Bedenken. Ich habe im Internet zwei oder drei Plagiatselbsttests gemacht. Da war nichts. Und da mein Professor vier Seminare à 40 Studenten betreute, war völlig klar, dass er nicht alle Hausarbeiten selbst lesen würde.

ZEIT Campus ONLINE: Welche Note hast du bekommen?

Johannes: Ich glaube, eine 2,3. Das war die schlechteste Note in meinem Studium. Aber ich habe ihm das nicht krummgenommen.

ZEIT Campus ONLINE: Du hast dich nicht bei deinem Ghostwriter beschwert?

Johannes: Nein. Das ganze Thema hat für mich auch mit Stolz zu tun. Stolz, Ehre und Loyalität, das sind Tugenden, hinter denen ich stehe. Wenn man jetzt sagt "Ehre? Dann solltest du eine fremde Arbeit nicht als deine ausgeben!", dann stimmt das auch wieder, aber man muss eben abwägen. Ich war zu der Zeit, als er die Arbeit schrieb, im Urlaub. Deshalb war das schon okay. Es kamen auch noch genug Scheine, um diese Note wieder auszubügeln.

ZEIT Campus ONLINE: Du hast dir aber noch weitere Arbeiten schreiben lassen?

Johannes: Ja, mehrere Hausarbeiten und meine Bachelorarbeit. Alles beim selben Autor.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Johannes: Es gab verschiedene Motivationen: Mal Unlust, weil ich im Urlaub war. Mal Antipathie gegenüber einer Dozentin, bei der mir alles egal war. Bei einer Hausarbeit war es auch Talentfreiheit. Ich bin kein absoluter Querkopf, aber ich denke ziemlich viel darüber nach, ob etwas Sinn ergibt oder nicht. Das war mein Beweggrund. Es war nicht reine Faulheit, falls man mir das unterstellen wollte. Es war immer ein Abwägen.

ZEIT Campus ONLINE: Mindestens bei der Bachelorarbeit hättest du ein Thema auswählen können, das Sinn ergibt, und einen Betreuer, der dich unterstützt.

Johannes: Ja, aber als die Bachelorarbeit anstand, hatte ich eine sehr interessante Stelle als Werkstudent in einem Logistikunternehmen. Ich denke immer sehr effizient und sehr praktisch, das hat dem Chef gefallen. Also hat er mich gefragt, ob ich nicht eine Projektbegleitung machen will, bei der ich das ganze Unternehmen und alle Abläufe kennenlerne. Ich wollte immer in Richtung Consulting, deshalb war das eine tolle Chance.

ZEIT Campus ONLINE: War bei der Bachelorarbeit etwas anders, als bei den Hausarbeiten?

Johannes: Der Autor bekam mehr Zeit und mehr Geld, 800 Euro. Wenn man sich überlegt, wie wichtig so eine Bachelorarbeit ist, war das okay. Außerdem musste ich alle zwei Wochen ins Bachelorkolloquium. Da musste ich meine Arbeit präsentieren, meine These entwerfen, meine Gliederung darstellen, also offensichtlich ein bisschen Ahnung von dem Thema haben. Zu dem Zeitpunkt wollte mein Ghostwriter eigentlich seine eigene Bachelorarbeit schreiben, aber er hatte so viele Anfragen von anderen, dass er das erst mal verschoben hat.

ZEIT Campus ONLINE: Moment, er schrieb deine Bachelorarbeit vor seiner eigenen?

Johannes: Ja. Er wusste, wie das geht und hatte einen Tacken kriminelle Energie. Einmal habe ich gesehen, wie eine ältere Kommilitonin mit ihm sprach. Er hat mir kurz zugenickt und dadurch war klar, dass ich jetzt nicht an seinen Tisch kommen sollte. Das war wie beim Dealer auf dem Schulhof.