ZEIT Campus ONLINE: Wenn du sagst, dein Ghostwriter habe kriminelle Energie …

Johannes: Na ja, kriminell ist das falsche Wort, da müssen wir jetzt ein bisschen aufpassen, das hat einen anderen Charakter. Aber es hat diesen Beigeschmack, denn er bietet ja etwas an, das er nicht anbieten darf.

ZEIT Campus ONLINE: Du selbst brauchtest diese kriminelle Energie aber auch – um dich bewusst über Regeln hinwegzusetzen und eine Arbeit abzugeben, die du gar nicht verfasst hast.

Johannes: Nein, ich würde nicht sagen, dass es mit krimineller Energie zu tun hat, sondern mit bewusstem Leben. Man muss sich bewusst sein, welche Rolle man spielt und was man erreichen kann. Man muss Ziele haben und eine gewisse Motivation aufbringen. Das heißt auch abzuwägen: Muss ich meine Credit Points machen und deshalb zwölf Stunden für die Uni arbeiten? Oder reichen sechs Stunden und den Rest verbringe ich mit Freunden oder mit einem Nebenjob? Soll ich mir ein bisschen mehr Zeit für mein Studium nehmen, oder meinen Bachelor burnoutmäßig in sechs Semestern machen, und rumrennen und jammern: "Oh, ich hab keine Zeit, ich kann nicht mal essen"? Nein. Auf dieses Gerede habe ich keine Lust, das stört mich, weil ich weiß, dass es anders auch geht.

ZEIT Campus ONLINE: Hattest du nie Angst, dass du dich selbst um etwas betrügst? Um einen Lerneffekt, zum Beispiel?

Johannes: Was bringt es mir, eine Leistung zu erbringen, die nicht richtig gemessen wird, weil der Professor die Arbeit nicht liest? Da verschwende ich doch meine Zeit und mein Wissen. Klar steckt auch ein pädagogischer Wert dahinter, wenn du lernst, dich mit einem Thema auseinanderzusetzen und darüber zu schreiben. Aber meine Leistung war zu der Zeit schon viel höher, nämlich in dem Unternehmen, in dem ich gearbeitet habe.

ZEIT Campus ONLINE: Du willst sagen: Es steckt keine kriminelle Energie dahinter, sondern bloß unternehmerisches Denken?

Johannes: Das ist Effizienzdenken, ja.

ZEIT Campus ONLINE: Es gibt Studenten, die sich keine Ghostwriter leisten können, selbst wenn sie wollten. Ist es nicht unfair, dass die sich durchquälen müssen, während du einen bequemeren Weg gehst?

Johannes: Das habe ich mich auch gefragt, weil mich der Aspekt der Moral wirklich sehr interessiert. Aber nicht, dass der Eindruck erweckt wird, mir wurde was geschenkt: Was ich gemacht habe, hätte jeder andere Student auch tun können. Meine Bachelorarbeit kostete 800 Euro, das ist nicht viel Geld, wenn man arbeitet. Ich habe keinem etwas gestohlen.

ZEIT Campus ONLINE: Hast du noch einen Master gemacht?

Johannes: Nein, ich wurde in dem Unternehmen übernommen, mit dem ich damals zusammengearbeitet habe. Dort wird meine Leistungsfähigkeit wirtschaftlich gemessen. Dieser Leistungsgedanke hat mir an der Uni immer gefehlt. Da hatte ich manchmal Trottel neben mir sitzen, die wussten noch nicht mal, wie man Nudelwasser zum Kochen bringt. Und dann schreiben die eine 1,0 in der Klausur, weil sie einen Leitz-Ordner mit Textmarkern vollgemalt und alles auswendig gelernt haben. Das ist doch keine Leistung! Wo ist da der Leistungsgedanke?

ZEIT Campus ONLINE: Leistung in deinem Sinne wäre: die Fähigkeit, kreative Lösungen finden?

Johannes: Nein, nicht unbedingt. Meine Leistung war nicht, dass ich mir die Bachelorarbeit gekauft habe, sondern dass ich in meinem Job gut bin. Das ist es, was mir am Monatsende das Geld einbringt. Das ist meine Leistung. Aber es war nicht die Leistung, die im Bachelorsystem gewollt ist.

ZEIT Campus ONLINE: Wenn dein Chef von deinem Ghostwriter wüsste – meinst du, es würde ihn stören?

Johannes: Wenn er der Einzige wäre, der davon weiß – und er kennt ja die Leistung, die ich jeden Tag vollbringe und die durch dieses Wissen nicht getrübt wird – dann denke ich, dass er mit Sicherheit nichts dagegen hätte.