Wo sich ein Praktikum ans nächste reiht, werden junge Menschen zu traurigen Bürogestalten. Ihre größte Angst: Das Nichtsnichts im Lebenslauf. Ein Anlass zur Verzweiflung

Zunächst: Auftritt Dame aus der Personalabteilung, graues Businesskostüm, nicht billig, nicht zu teuer, jedenfalls: "Sie wünschen?" Und dann: "Darf ich mal Ihren Lebenslauf …?" Und man reicht ihn ihr, sie blättert, falls es etwas zu blättern gibt ("aha, das ist ja übersichtlich!") und brummt mit der vorwurfsvollen, demütigenden Ruhe eines Zahnarztes, der den Schaden begutachtet: B3 ok, B4 ok, B5, ok, oha, was haben wir denn da? Eine Lücke. Und woher die kommt, da sind sich Zahnärzte und Assessment-Center-Damen einig, muss man erklären.

Zahnärzte und Personalbeauftragte stehen beide für den tastenden Erstkontakt mit der eigenen Unzulänglichkeit. Ach, was war denn da von Juli 2014 bis Januar 2015? Ja, was war denn da. Vielleicht war da wirklich: nichts. Also nicht dieses Nichts, das man immer herausbringt, wenn jemand fragt, ob was sei.

Nicht dieses "Alles gut"-Nichts, sondern das andere, das echte, das leere, das Nichtsnichts, das einfach passiert, wenn man sich nach dem Studium nicht sofort emsig in "interdisziplinären Praktika" herumgetrieben, sondern sich erst einmal dem verwilderten, einsamen, absichtslosen Tun hingegeben hat. 

Jedes Loch ist der Nachweis der Schlampigkeit des Besitzers.


Dieses Nichts geht natürlich gar nicht, bei diesem Nichts ist gar nichts gut, sondern alles falsch, wenn man der Ärmelschonersprache der Karriereratgeber glaubt, mit denen seit Jahren junge Menschen zu traurigen Bürogestalten umerzogen werden: "Alles, was über den Zeitraum von ein bis zwei Monaten hinaus geht und nicht erklärt wird, gilt als veritable Lücke." Und der lückenlose Lebenslauf erinnert nicht umsonst an das "lückenlos gepflegte Scheckheft", womit Gebrauchtwagenhändler stolz herumwedeln.

Jedes Loch erregt Verdacht, jedes Loch mindert den Preis, jedes Loch ist der Nachweis der Schlampigkeit des Besitzers. In diesem Fall: der Schlampigkeit des eigenen Lebens. Als dürfe das Leben nur laufen, nicht stolpern, nicht torkeln, nicht schlingern oder einfach mal stillstehen, weil sonst wieder die Frau von vorhin, im Businessblazer, der so grau ist wie möglicherweise ihre Seele, forsch nachbohren könnte. Das kann manchen schon Angst machen.

Und einige Internetforen leben davon, die Ängste derer zu therapieren, die einen "Bruch" in ihrem Lebenslauf vermuten, als würden sie deswegen sogleich zu einer Figur in einem deutschen Sozialdrama, in dem Lars Eidinger unter Brücken abgerissen herumbrabbelt und Corinna Harfouch sehr viel schreit.

Eine Annika fragt in solch einem Forum zum Beispiel, ob es besser sei, nach ihrem Bachelor für ihren Lebenslauf "berufspraktische Erfahrung in einer Werbeagentur" zu sammeln oder ob sie doch eine "Europareise" machen könne, ohne dass sie davon später einen Nachteil habe. Ein Jonas interessiert sich für ein Praktikum in einem Kinderhilfswerk in Bolivien, sorgt sich aber, ob das überhaupt "in seinen Lebenslauf einzahlt" – schließlich wolle er ja eigentlich Grafikdesigner werden. Ein Tobi antwortet ihm, dass es viel wichtiger sei, sich "aussagekräftige Hobbies" anzuschaffen, damit man "als authentische Persönlichkeit" wahrgenommen werde.

Und das alles ist kein Anlass zum Spott, sondern zur Verzweiflung.

Offenbar wird der Lebenslauf immer noch wie ein geradliniger Bildungsroman verstanden, in dem Zufälle oder schlicht entlegene Entscheidungen, die eher dem Lustprinzip als dem Marktprinzip gehorchen, als Störungen angesehen werden, die hinterher, auf dem Papier, geglättet und begradigt gehören, damit kein Personalchef einen damit beschämt. 

Man kann sich fragen, woher dieses namenlose Gefühl kommt, dieser in Panik umgeschlagene Wille, aus seinem Leben ganz dringend und ganz bald etwas zu machen, der Menschen Mitte 20 dazu treibt, mit wütendem Fleiß eine Liste zu beackern wie einen Kleingarten, auf dem oben der Name steht, dann das Geburtsdatum und darunter Tabellen und Zeiträume und Plastikwörter wie Schlüsselkompetenz, soziales Engagement und Soft Skills, die man zu erwerben hätte, als wollte man Adornos These zur verwalteten Welt endgültig bestätigen: die Formularisierung des eigenen Daseins, mit der man sich zu Markte trägt (den Rest erledigt Facebook).

Man hört von Eltern, die ihren studierfähigen Kindern empfehlen, mal ein Jahr in ein Schwellenland zu gehen, weil das den eigenen Marktwert steigere, anstatt ihnen einfach vierzig Schallplatten, fünfzig Romane und einen Haufen Filme hinzulegen und im Herausgehen zu sagen: "Mach damit, was du willst."

Die Aussicht, einen schönen CV zu besitzen, sollte niemanden darauf verzichten lassen, ein Leben zu haben, das nicht zum Lebenslauf heruntergekommen ist. Auch wenn die Lebenslaufburschen auf den Ratgebercovern täglich leistungsbereiter und dauerverfügbarer in die Welt gucken.

Oder weil es inzwischen ohnehin heißt, dass man "lebenslang lernen" müsse, obwohl das klingt wie eine Strafe, zu der man verdonnert wird: keine Ahnung, wofür oder weshalb. Und es könnte dann endgültig der Gedanke reifen, dass das Prinzip des Lebenslauf lediglich zum Davonrennen ist.