Johannes tanzt dank seiner Ballettlehrerin an der Semperoper. Andreas wusste, was er will, als er Greenpeace in die "Tagesthemen" brachte. Drei Studenten über Inspiration

Johannes Schmidt fühlte sich wie ein Außenseiter, bis er zum Ballett kam

Manche sitzen noch mit 30 an der Uni; mein Studium begann, als ich zwölf war. Schon in der Grundschule spielte ich lieber mit den Mädchen Verstecken, anstatt mich mit den Jungs beim Fußball zu raufen.

Auf einem Straßenfest lernte ich Frau Koch kennen, sie richtete das Fest aus und ihr gehörte die Ballettschule im Nachbarort. Meine Eltern und sie kannten sich. Sie fragte, ob Tanzen etwas für mich wäre. Schon in der Probestunde gefiel mir Ballett sofort, ich genoss es, mich so elegant und konzentriert zu bewegen. Meine Eltern meldeten mich an. Hier konnte ich endlich meine Energie rauslassen und fühlte mich nicht mehr als Sonderling, obwohl ich der einzige Junge in der Gruppe war.

Meine Lehrerin nannte ich liebevoll Mama Koch, weil sie sich um mich besonders kümmerte. So sehr, dass sie immer wieder mit mir schimpfte, wenn sie von meiner leiblichen Mutter hörte, dass ich faul war, oder wenn sie sah, dass ich mich nicht richtig dehnte.

In der Schule nannten die Jungs mich "Schwuli" oder "die Tänzerin"

In der Schule nannten die Jungs mich "Schwuli" oder "die Tänzerin". Ich versuchte, den Problemen aus dem Weg zu gehen, aber als mich der Klassenschläger einmal schubste, stieß ich ihm meinen Füller in die Schulter. Er lief dann einen Monat mit blauem Punkt rum. Danach hatte ich meine Ruhe.

Nach drei Jahren an der Tanzschule fragte mich Frau Koch, ob ich nicht mal mit nach Dresden kommen wolle, zur Aufnahmeprüfung an die Palucca Hochschule für Tanz, die zu den renommiertesten in Deutschland zählt.Ich wollte.

Ein paar Wochen später fuhren wir nach Dresden, 150 Kilometer entfernt von meinem Heimatort. Das war das erste Mal, dass ich ohne meine Eltern so weit weg von zu Hause war. Die Kantine der Hochschule war voll mit Kindern und ihren Eltern, wir wurden in Gruppen eingeteilt, mussten ewig warten. Dann ging es los.

Die Jury wollte sehen, wie gut ich mich dehnen und wie hoch ich springen konnte. Um zu zeigen, dass ich Fantasie hatte, musste ich schleichen wie eine Katze und laufen wie eine Hexe.

Noch am selben Tag bekam ich die Zusage. Jeder kennt diese Filme, in denen die Leute durchdrehen, wenn sie so eine Aufnahmeprüfung bestehen. Bei mir war das nicht so. Klar habe ich mich gefreut, aber ich musste ja keinen zweistündigen Mathetest schreiben, sondern habe das getan, was mir Spaß machte.

Ein paar Monate später ging die Ausbildung los. Ich zog ins Internat und kam deshalb nur noch an den Wochenenden nach Hause, meine Eltern habe ich vermisst wie Sau. Aber ich freute mich auch, endlich aus der Provinz wegzukommen.

Von früh bis spät lag meine ganze Konzentration beim Tanz. In dieser Zeit lernte ich meine engsten Freunde kennen, wir waren ein eingeschworener Kreis. Nach der zehnten Klasse sind fünf von elf Mitschülern gegangen, weil sie Abitur machen wollten. Denn an dieser Hochschule studiert man mit einem Realschulabschluss. Ich musste mich entscheiden: Abi oder Tanzen? In dem Moment wusste ich: Jetzt wird es ernst. Das hier wird mal mein Job sein.

Nach neun Jahren Schule und Studium hatte ich mit 19 mein Diplom. Seitdem tanze ich an der Semperoper in Dresden. Noch immer berührt es mich, wenn ich spüre, dass ich nur mit Bewegungen eine Geschichte erzähle. Ohne Pathos, ohne Sprache, ohne dabei zu lächeln oder traurig zu schauen. Wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich eine positive Leere. Und manchmal denke ich auch bloß: "Was esse ich zum Abendbrot?"

Mit meiner Lehrerin, Frau Koch, bin ich heute befreundet, wir treffen uns ab und zu auf einen Kaffee. Sie gibt Pilateskurse in dem Fitnessstudio, in dem ich trainiere. Ohne ihre Hilfe, da bin ich mir sicher, würde ich heute nicht professionell tanzen. 

In der Kleinstadt, aus der ich komme, hat man zu so etwas keinen Zugang. Deshalb bin ich froh, dass meine Eltern mir zu meinem Traum verholfen haben. Mein Vater ist Zimmermann, meine Mutter Krankenschwester. Und ich bin der Sonderling, der tanzt.